36 000 Frauen werden in Russland jeden Tag von ihren Ehemännern geschlagen. Die Musikerin Manizha startete dagegen eine Kampagne, die für Aufregung sorgt – und viel über den Zustand des größten Lands der Welt erzählt.

Ein Schattenwesen mit roten Augen terrorisiert eine Frau und ihr Kind. Während eine volle Stimme auf Russisch immer wieder die Aufforderung „Schweig nicht” wiederholt, wird die Mutter schließlich von dem Monster blutig massakriert. Ein Gemetzel mit bedrückend realem Hintergrund. 36 000 Frauen werden in Russland jeden Tag von ihren Ehemännern geschlagen. Zwischen 12 000 und 14 000 sterben jedes Jahr an den Folgen häuslicher Gewalt.

Die Szene wie auch die erschreckenden Zahlen stammen aus dem Video zu „Mama”, der neuesten Single der russisch-tadschikischen Pop-Musikerin Manizha, mit der sie auf ein alltägliches Problem in Russland aufmerksam machen möchte. Häusliche Gewalt zieht sich dort nämlich weiterhin durch alle Gesellschaftsschichten und gilt als Teil der Familienerziehung – also als völlig normal.

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„In Russland herrscht noch der Grundsatz des Schweigens“ – Manizha (Foto: Promo).

„In unserer Kultur gibt es dafür Redewendungen wie ‚Wenn er dich schlägt, dann liebt er dich’ oder ‚Den eigenen Müll trägt man nicht nach draußen’”, sagt Manizha an einem Nachmittag im März. Sie ist gerade mit ihrer Bandprobe fertig geworden und spricht mit angeschlagener Stimme. „Ich sehe es als meine Mission, diese Themen in den gesellschaftlichen Diskurs zu bringen. Ich möchte Frauen und auch Männer erreichen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind.”

80 Euro Bußgeld für häusliche Gewalt

Bis Anfang 2017 war häusliche Gewalt in Russland noch mit einer Haftstrafe von bis zu zwei Jahren belegt. Dann aber beschloss das fest in der Hand der mit absoluter Mehrheit regierenden Wladimir-Putin-Partei „Einiges Russland” befindliche Parlament eine Gesetzesänderung, die Fälle von häuslicher Gewalt nur noch als Ordnungswidrigkeit einstufte. Das bedeutet, dass Schläge, die nicht zu einem Krankenhausaufenthalt führen, seitdem nur noch mit einem Bußgeld von umgerechnet 80 Euro bestraft werden. Eine Summe, die natürlich kaum abschreckt.

Konservative Politiker_innen und Befürworter_innen des Gesetzes argumentierten, dass der Staat sich aus familiären Angelegenheiten heraushalten müsse und dass Eltern nicht dafür bestraft werden dürften, ihre Kinder zu erziehen. Kritische Stimmen? Waren, typisch für Putins Russland, nicht gerne gesehen. Demonstrationen gegen die Gesetzesänderung wurden in den Innenstädten verboten und aus dem Blickfeld der Massen heraus in die Peripherie der Großstädte gezwungen. Mit Erfolg. Eine Diskussion keimte nie wirklich auf.

Mit einer privat gestarteten Kampagne bringt Manizha das vergessene Thema nun zurück ins russische Bewusstsein. Als Figur des öffentlichen Lebens stellt sie sich mit ihrer direkten Kritik gegen die staatliche und gesellschaftlich akzeptierte Meinung. Das erfordert viel Mut. Aber auch Durchhaltevermögen.

Die aus Tadschikistan stammende Musikerin floh Anfang der Neunziger mit ihrer Familie vor dem dortigen Bürgerkrieg nach Moskau. Eine Erfahrung, die Manizha bis heute prägt. Ihre Texte behandeln ein Gefühl von Heimatlosigkeit und der Suche. Und auch in ihrem Sound finden sich neben Soul, Jazz und eingängigem elektronischen Spotify-Wave auch Elemente tadschikischer Folklore.

Das war nicht immer so. Vor gut zehn Jahren war Manizha schon mal als Teeniestar bekannt. Unter dem Namen Rukola füllte sie als Produkt einer Starschmiede zwischen 2007 bis 2009 die russischen Radiostationen mit austauschbaren Hits.

2014 erfand sich die Künstlerin dann quasi über Nacht neu. Sie wollte endlich ihr eigenes Produkt sein, sagte sie später in Interviews zu dieser Zeit. Ohne Produktionsfirma oder Management im Hintergrund. Zwei Jahre später veröffentlichte sie mit Manuscript als nach eigener Aussage erste Musikerin überhaupt ein komplettes Album auf Instagram. Darauf trat sie unter ihrem Geburtsnamen auf, von dem ihr früher vehement abgeraten wurde, da er für das russische Publikum zu „muslimisch” klinge. Mittlerweile hat sich Manizha eine feste Fangemeinde aufgebaut und ein eigenes Team zusammengestellt.

Und beweist mit ihrem Output einen in der russischen Popszene seltenen Eigensinn. Sie trägt größtenteils die selbstgeschneiderte Kleidung ihrer Mutter, verweigert Selbstoptimierung durch Photoshop, schminkt sich während ihrer Konzerte auf der Bühne demonstrativ ab und fordert ihre weiblichen Fans im Publikum ebenfalls dazu auf. Damit verfolgt die 27-Jährige vor allem ein Ziel: Das Selbstverständnis und -vertrauen russischer Frauen zu stärken.

Das Thema war vielen Firmen politisch zu heikel

„Die amerikanische Art mit dem Slogan love yourself funktioniert hier in Russland nicht”, sagt sie. Und warum? „Es fängt schon damit an, dass die Redewendung übersetzt fremd und falsch klingt”, sagt Manizha. „Es ist schon eine große Herausforderung für sich, überhaupt herauszufinden, was die russischen Frauen bewegt und wie man ihr Selbstbild stärken kann.”

Ein Teil der Lösung könnten die sozialen Netzwerke und andere technische Neuerungen sein. So brachte Manizha kürzlich etwa die kostenlose App Silsila auf den Markt – als praktische Entsprechung ihrer Kampagne sozusagen. Die App enthält ein in Russland sonst kaum erhältliches Aufklärungsangebot zum Thema körperlicher oder psychischer Gewalt innerhalb der Familie und zeigt Notunterkünfte und Ansprechpartner_innen in der Nähe der Nutzer_innen an. Zudem enthält Silsila eine Paniktaste, die bei Betätigung einen Hilferuf an eine selbst angelegte Liste von Vertrauten sendet.

Sowohl „Mama” als auch die dazugehörige Kampagne samt App hatte Manizha schon vor gut zwei Jahren fertig. Aber die Suche nach finanzieller Unterstützung für das Projekt gestaltete sich schwierig. Ein strukturelles Problem, wie sie erklärt: „Ich habe das Projekt persönlich bei 23 möglichen Partnerfirmen vorgestellt”, sagt sie. „Ich möchte keiner dieser Firmen diskreditieren. Aber sagen wir es so: Es herrscht dort noch der Grundsatz des Schweigens vor.”

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„Was daran falsch sein soll, verstehe ich nicht“ (Foto: Promo).

Die Antworten seinen immer dieselben gewesen: „‚Warum redest du darüber? Warum möchtest du ein Projekt dafür starten? Es wird sich doch nichts ändern!’”, sagt Manizha. Am Ende stemmte ihre Mutter mit einem für ihre Verhältnisse hohen Betrag einen Teil der Entwicklungskosten der App. Viele mögliche Unterstützer_innen seien nach anfänglichem Interesse zudem kurz vor einer Konkretisierung der Zusammenarbeit wieder abgesprungen. Das Thema war ihnen politisch zu heikel.

Mit diesen Kämpfen ist Manizha im Russland dieser Tage nicht allein. Hilfsnetzwerke gegen häusliche Gewalt und Zentren für Frauen arbeiten in Russland unter extrem schwierigen Bedingungen. Da diese häufig von internationalen Hilfsgeldern unterstützt werden, fallen sie dem 2012 von Putin initiierten „Agentengesetz” zum Opfer. Das Gesetz zwingt alle NGOs, die Unterstützung aus dem Ausland erhalten, sich als „Agenten fremder Mächte” zu registrieren – mit teils verheerenden folgen für deren Arbeit. Davon betroffen sind auch viele unabhängige Frauen- und Kinderhilfszentren. Sie stehen unter besonderer Beobachtung durch die Staatsmacht und verlieren Schritt für Schritt wichtige finanzielle Partner.

Umso wichtiger sind private Initiativen wie die von Manizha. Das Problem dabei: Sie unterliegen nicht denselben Richtlinien in Sachen Finanzierung und Transparenz wie reguläre NGOs.

Eine Gefahr für die öffentliche Ordnung

Auch deshalb wurde Manizha für ihr Projekt von Vertreter_innen der feministischen Szene in Russland teils scharf kritisiert. Ihr wurde unter anderem vorgeworfen, dass sie aus Profitgier handele und dass es sich bei der App um eine Kopie einer anderen handle. Deren Entwickler_innen weisen Plagiatsvorwürfe bis heute zurück.

Manizha selbst zeigt sich ob der fehlenden Unterstützung enttäuscht: „Die App ist kostenlos und soll helfen”, sagt sie. „Was daran falsch sein soll, verstehe ich nicht.” Ob sie sich denn selbst als Feministin bezeichnen würde? Manizha reagiert zögerlich: „Das Problem ist, dass der Begriff bei uns noch nicht in der Gesellschaft angekommen ist”, sagt sie. „Für viele ist er sehr negativ konnotiert. Ich kämpfe für menschliche Werte und möchte deswegen einfach als Mensch bezeichnet werden.”

Eine ausweichende Antwort, die für westlich geprägte Ohren befremdlich klingen mag. Doch es ist wichtig, sie in einem russischen Kontext zu lesen. Denn sicher, auch in Russland gibt es eine starke Szene feministischer Aktivist_innen, die jedoch sehr klein ist. Das Gros der russischen Gesellschaft hingegen sieht in Homosexualität oder Feminismus weiterhin eine Gefahr für die öffentliche Ordnung, einen willkürlichen Angriff auf traditionelle Familienwerte. Und die Politik tut alles dafür, dass das so bleibt.

Damit können sich viele junge Russ_innen natürlich längst nicht mehr identifizieren. Ihnen ist klar, dass sich an diesen verknöcherten Wertvorstellungen etwas ändern muss. Die Frage ist, wie man dabei vorgehen muss, um echten Wandel möglich zu machen. In einem Land, das öffentlichen Protest beinahe unmöglich macht. Trotzdem laut und schrill zu sein ist ein möglicher Weg.

Manizha hat sich für einen anderen entschieden: Sie möchte bedacht und sanft mithilfe von Kunst das Selbstbild der russischen Frau verändern und auf tief greifende Missstände aufmerksam machen. Zumindest einen Vorteil hat sie damit: Als bekannte Pop-Musikerin wird sie auch von denen gehört, die andere Aktivist_innen für gewöhnlich ignorieren. Und kann ihnen zwei Worte mit auf den Weg geben: „Schweig nicht”.