Foto: Steve Gullick

Zeichnen bedeutet für Daniel Blumberg nicht nur Intuition, sondern auch eine Art von Notwendigkeit. Sieht er Stift und Papier, wird er wie magisch davon angezogen. „Um Musik zu machen, muss ich mich aktiv in die Situation dafür bringen. Ich muss mir ein Instrument nehmen und spielen. Mit dem Zeichnen ist das anders, überall liegt Schreibzeug herum. Vor Kurzem habe ich sogar angefangen, mit echtem Silber zu malen“, so Blumberg. Für den spontanen Zeichendrang hat er ein kleines ledernes Notizbuch dabei, das voll ist mit Figuren, die beinah aussehen wie kindliche Strichmännchen. Manche hantieren mit undefinierbaren Gegenständen, manche zeigen bestimmte Emotionen. Im Laufe des Gesprächs nimmt Blumberg immer wieder einzelne Blätter heraus und arrangiert sie zu neuen Paaren um: „Meine Bilder sind wie Spielzeug für mich. Wie kleine Menschen in Schachteln. Ich kann sie ständig umstellen und mit anderen in Beziehung bringen. Und waren sie das einmal, muss ich sie nicht aufbewahren, denn den Eindruck, den sie auf mich gemacht haben, trage ich mit mir.“

In seinen Bildern mimt Blumberg eben solche intimen Momente, die seine Musik und seine Kunst beschäftigen: „Mich interessieren besonders die Geschichten, die vom Großen ins Kleine zoomen. Le Bonheur von Agnès Varda zum Beispiel geht ganz nah an eine sehr private Zweierbeziehung heran, und macht dabei aber immer wieder bewusst, dass sie nur ein kleiner Teil eines großen sozialen Kontexts ist. Ich muss zugeben, dass ich mich anfangs ein wenig unwohl dabei gefühlt habe, ein Album aufzunehmen, auf dem ich so nah an mich selbst zoome und so viel von mir preisgebe. Ich habe mich auch gefragt, ob das eigene Ich überhaupt eine so große Rolle in der Kunst einnehmen sollte. Aber ich kam zu dem Schluss, dass es genau diese intimen Gefühle sind, die nicht ignoriert werden dürfen. Sie sind, worum sich das Leben dreht, und womit es beginnt. Die Beziehung zweier Menschen, wie die romantische Liebe oder die zwischen Mutter und Kind, ist im Grunde alles, was wir haben.“

„Ich frage mich, ob das eigene Ich überhaupt eine so große Rolle in der Kunst einnehmen sollte.“

Somit scheut sich Daniel Blumberg nicht davor, den Schmerz, den sein Beziehungsaus auslöste, mit einer Prise Wut und einem Haufen Verletzlichkeit lustvoll auszurollen. Im Schoße seiner Emotionen hat er die Texte des Albums allein und zurückgezogen geschrieben. Der letzte Track „Used To Be Older“ ist allerdings beim Jammen (Pardon! beim Arbeiten) im Café Oto entstanden. („Das Wort Jammen benutze ich nicht, niemals. Ich arbeite, ich mache Musik, aber ich jamme nicht“, sagt Blumberg an anderer Stelle.) Die Melodien allerdings gehen auf die unterschiedlichen Dynamiken zwischen ihm und seinen Musikpartnern zurück, die in seinen Augen selbst zu Sängern werden: „Für mich hat jedes Instrument seine eigene Stimme. Und meine Begleiter haben ganz außergewöhnliche Stimmen.“

In seiner hörbaren Ambivalenz ist Minus letztlich tatsächlich beides – Schlussstrich und Neubeginn: „Musik, für die ich zu 100 Prozent einstehe. Deshalb erschien sie auch erstmals unter meinem eigenen und keinem fiktiven Namen. Außerdem hasse ich wirklich alles, was ich vorher gemacht habe.“