„Manche verlassen den Saal, so funktioniert Musik“ / Daniel Blumberg im Interview

Foto: Steve Gullick

Als Musiker und Bildender Künstler war Daniel Blumberg schon alles – nur nicht er selbst. Minus, sein erstes Album beim Label Mute, ist eine Premiere im doppelten Sinne: Erstmals veröffentlicht der ehemals bei der Indie-Rock-Band Yuck aktive Brite unter seinem eigenen Namen. Im SPEX-Interview spricht er über Verletzlichkeit, die Kraft von Intuition und Interaktion zur richtigen Zeit – und die von Klatschgeräten zu jeder Zeit.

Minus lädt dazu ein, sich der Vielfalt des Schmerzes hinzugeben und in (Selbst-)Mitleid zu baden. Zugegeben, Daniel Blumberg macht es einem in dieser Hinsicht auch leicht: Auf seinem Solodebüt besingt der Brite den Verlust von Liebe, Halt und psychischer Stabilität. Sehr persönliche Themen also, die einem in Blumbergs Fall aber trotzdem eine alte Phrase in den Mund legen: „Der spricht mir aus der Seele!“ Wie kann das funktionieren?

„Es gibt zwar Songs, die genau vorgeben, wie die Geschichte lautet, was Anfang und was Ende ist“, erklärt der 27-Jährige. „Aber mein Wunsch ist es, Musik zu machen, die lebendig ist.“ Eine Musik, die von jedem anders und neu interpretiert werden kann. Denn für Daniel Blumberg ist seine Hörerschaft genauso kreativ wie er selbst. Auch sie lässt sich leiten, von Worten und von Melodien, und nimmt mit diesen Ideen im Gepäck die ganz eigene Abzweigung.

„Wenn ich allein zuhause bin und singe, dann reagiere ich nur auf die Sachen, die ich tue“, meint Blumberg. „Wenn nun aber Tom (Wheatly) dazu kommt, kann er darauf antworten und so wird mein Song zu unserem.“ In ähnlichen Austausch tritt er auch mit den Räumen, in denen er performt. „Am liebsten spiele ich zwar im Londoner Café Oto, weil ich die Umgebung gut kenne, aber an unbekannten Orten zu spielen, ist immer interessant. Das bringt neue Dynamiken in die Songs und macht jedes unserer Konzerte anders.“

Dass jedes der Konzerte anders ist, bekam kürzlich auch das Berliner Publikum im Acud zu spüren. Während die instrumentale Begleitung auf dem Album überwiegend melodisch bleibt, verloren sich Daniel Blumberg mit Mundharmonika und E‑Gitarre und die drei Streicher Billy Steiger, Tom Wheatly und Joel Grip auf der Bühne in völliger Disharmonie. Geklatscht wurde trotzdem viel – besonders durch Daniel Blumberg selbst. Der hat nämlich am Tag zuvor in einem Berliner Antiquariat einen russischen Klatschapparat entdeckt und dem natürlich prompt einen prominenten Platz in der Show eingeräumt. „Ich bin am Schaufenster vorbeigelaufen und da habe ich ihn gesehen. Den musste ich natürlich kaufen. Ich meine, er macht nichts anderes als … klatschen!“

„mir kommt es oft so vor, als herrsche während eines konzerts die komische vorstellung, dass musiker und Zuschauer miteinander kommunizieren müssten.“

Nicht zu jeder Zeit die beste Idee, wie Blumberg noch vor der Show erklärt: „Ich hoffe, niemand klatscht mitten in den Songs. Ich hasse das. Mir kommt es oft so vor, als herrsche während eines Konzerts die komische Vorstellung, dass Musiker und Zuhörer miteinander kommunizieren müssten. Deshalb erwarten auch einige, dass ich auf der Bühne spreche, aber ich wüsste nicht, warum ich das tun sollte. Solange ich keine Monologe in die Songs schreibe, rede ich auf der Bühne auch nicht.“

Jeder Auftritt ist für Blumberg eine Momentaufnahme, weil seine Musik die aktuelle Emotion spiegele, wie er sagt. „Bin ich mal übel drauf, hört man das, und die schlechte Laune überträgt sich dann oft auch aufs Publikum. Manche verlassen angepisst den Saal. Aber genau so sollte Musik doch funktionieren.“ Damit bleiben seine Arbeiten, die musikalischen und die künstlerischen, Ergebnis von Experiment und Intuition. „Ich glaube fest daran, dass intuitiv zu sein und den Dingen freien Lauf zu lassen, wertvoll ist. Dass ich danach arbeite, kann man zum Beispiel im Video zu „Minus“ sehen, in dem ich ein riesiges Bild zeichne. Ich habe mich dabei einfach von den Gedanken an die Songs leiten lassen. Gefilmt wurde ich nämlich in dem Studio, in dem ich auch einen Großteil der Texte geschrieben habe. So entsprang alles demselben Ort. Dieser Gedanke gefiel mir sehr.“

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.