»Man hat nun mal nur ein einziges Debütalbum« – Roosevelt im Interview

Foto: Marc Seth

Der frühere Beat!Beat!Beat!-Schlagzeuger Marius Lauber hat für sein elektronisches Projekt Roosevelt jede Menge Vorablob kassiert. Mit dem gleichnamigen Debütalbum steht im August die Feuerprobe an. Im SPEX-Gespräch verriet Lauber, warum man auch bei tanzbarer Musik das »Reingrätschen« nicht vergessen sollte und wieso es heute nicht mehr verwerflich ist, auf gesponserten Events zu spielen.

Können heute überhaupt noch perfekte Popsongs gelingen? Marius Lauber alias Roosevelt kennt die Antwort natürlich auch nicht, gibt dafür mit seiner Musik aber immerhin einen Tipp ab. Die klingt unprätentiös, aber mitnichten belanglos, durchaus elegant, aber nie zu glattgebürstet. Der Protagonist im Video zur Single »Night Moves« trug eine installationsartig mit mehrfarbigem Licht versehene Lederjacke. Dieses Outfit symbolisiert durchaus die analoge Electronica von Roosevelt. Sein Sound speist sich genauso aus Disco-Elementen wie Gitarrensounds.

Joe Goddard von Hot Chip wurde auf die Soloskizzen des heute 25-jährigen Niederrheiners aufmerksam und nahm ihn für sein Label Greco Roman unter Vertrag. Mit zwei EPs und diversen Remix-Produktionen sammelte der Multiinstrumentalist, DJ und frühere Beat!Beat!Beat!-Drummer bereits international Vorschusslorbeeren. Die Bewährungsprobe steht allerdings noch bevor: Im August erscheint das selbstbetitelte Debütalbum, das für Lauber auch eine Wende hin zum Songformat bedeutet.

Du bist mit deinem Soloprojekt schon seit mehr als vier Jahren aktiv. Weshalb hat dein Debüt so viel Zeit in Anspruch genommen? Hat die internationale Resonanz dich unter Druck gesetzt?
Hinter den Kulissen wirkte das gar nicht so lange. Seit der Elliot-EP habe ich mir zwei Jahre Zeit genommen. Das ist meiner Meinung nach für ein Album nicht außergewöhnlich viel. Mir war es auch wichtig, innerhalb dieser Phase zu touren. Letzten Endes habe ich mir einfach Zeit gelassen, weil ich sie mir nehmen konnte. Man hat nun mal nur ein einziges Debütalbum. Ich glaube, dass mein eigener Anspruch dabei größer ist als die Erwartung, die von außen kommt. Ich sehe darin nichts Negatives. Für mich wirkt sich Druck eher als Motivation aus. Ich freue mich über die Situation, während der Arbeit im Studio zu wissen, dass das Material ein Publikum finden wird. Und wenn der Guardian über meine Musik berichtet, ist das natürlich eine schöne Sache.

»Ich könnte in einem Text niemals zum Tanzen auffordern. Das machen ohnehin schon genug andere.«

Auch weil dein Gesang in dem Text mit dem von Bernhard Sumner verglichen wurde?
Das New-Order-Beispiel war gut gewählt. Meine Lieblingsstücke sind nämlich meistens Songs, bei denen der Körper zuerst zuckt, in die dann aber auf textlicher Ebene reingegrätscht wird. Im besten Fall geschieht das mitten auf der Tanzfläche. Das hat schließlich auch New Order ausgemacht, von denen wahnsinnig traurige Texte stammen. Die tanzbare Ebene erhält so einen interessanteren Beigeschmack.

Das gilt auch für dein Album. Textlich dominiert eher eine melancholische Stimmung, die sich hinter der musikalischen Dynamik fast schon versteckt.
Ich könnte in einem Text niemals zum Tanzen auffordern. Das machen ohnehin schon genug andere. Texte, deren Aufgabe nur darin besteht, die Stimmung, die ohnehin schon da ist, zu unterstützen, reizen mich nicht. Genre-Einordnungen empfinde ich generell eher als schwierig. Wenn es etwas gibt, was ich bei diesem Album bewusst ausprobiert habe, war es, dieses fast schon paradoxe Verhältnis von fröhlicher Note und melancholischen Zuständen einzufangen. In meinen Texten geht es generell um ein Loslassenkönnen, unabhängig davon, ob man darin nun eine Beziehung oder einen bestimmten traurigen Zustand zu erkenne meint. Diese Thematik war von mir nicht geplant, hat sich am Ende aber als Motiv des Albums herausgestellt. Ich bin auch Fan davon, wenn man das bei den Harmonien umsetzt. Zum Beispiel in Form verstimmter Synthesizer-Akkorde.

New Order gelten auch als eine der Bands, die das Songformat mit Track-Strukturen verbunden haben. In Bezug auf deine Musik kann man sagen, dass du mit einer Bandkonstellation diverse House- und Disco-Referenzen verarbeitest, die man eher mit dem DJ-Kontext assoziiert.
New Order waren kein direkter Einfluss. Es stimmt aber, dass sich mein Album ein wenig anfühlt, wie von einer Rockband gemacht. Ich selber empfinde meine Musik gar nicht als primär elektronisch, auch wenn ich mich hin und wieder im Techno-Spektrum bewege. Natürlich ergibt sich diese Einordnung allein schon durch die Synthesizer, aber ich finde es manchmal irritierend, dass viele mich als DJ-Act wahrnehmen. Auch wenn ich einen Remix mache, spiele ich die Drums meistens noch selbst ein. Das Album versammelt vielmehr Songs im klassischen Sinne, die ich auch am Klavier vorspielen könnte. Gemischt hat die Platte Chris Coady, der mehr Erfahrung mit Bands wie Beach House oder den Future Islands hat als mit elektronischen Produktionen. Bei Eliott waren dafür noch Simian Mobile Disco verantwortlich.

»Man spielt heutzutage nun mal auf gesponserten Events. Ich empfinde die Diskussion, was man darf und was nicht, als lästig.«

Dabei warst du lange Zeit im Kölner Nachtleben aktiv. Dort spielt Techno nicht nur wegen der Kompakt-Tradition eine zentrale Rolle.
Ich habe mir tatsächlich ein Kölner Studio mit Von Spar geteilt, in dem auch das meiste Material des Albums entstanden ist. Es gibt durchaus Parallelen zu dieser Band. Zum Beispiel die Vorliebe für klaustrophobische Drums. Das ist wahrscheinlich auf den Aufbau und die Enge des Studios zurückzuführen. Meine Beziehung zu Köln ist aber eher funktional. Ich wohne und arbeite hier, fühle mich aber der Szene nicht wahnsinnig verbunden. Objektiv gesehen kommt aus Köln aber gerade viel spannende Musik: Wyoming, Woman und Coma zum Beispiel. Köln zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht nur spezifisch auf eine Richtung ausgerichtete Studios gibt und man sich hier auch für andere Genres interessiert.

Heute kooperieren breite Teile der Musikindustrie mit anderen Branchen. Wie beurteilst du diese Entwicklung als junger Künstler?
Man spielt heutzutage nun mal auf gesponserten Events. Neulich war ich noch bei einer Veranstaltung von einem Videospiel involviert. Ich empfinde die Diskussion, was man darf und was nicht, eher als lästig. Das gehört mittlerweile einfach dazu. In den Neunzigerjahren verfügten die Labels noch über das Geld und heute ist das eben anders aufgeteilt. Solange Firmen angenehme Situationen schaffen, in denen man sich nicht fühlt, als würde man in einem Werbespot spielen, finde ich das legitim.

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