Maidan – Filmfeature zum Kinostart

Sergei Loznitsa zeigt in seinem heute in den Kinos startenden Film Maidan, wie die Revolution buchstäblich eine Demonstration von Bewegung ist.

Im Winter 2013/14 richtet der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa seine Kamera auf den Kiewer Unabhängigkeitsplatz, Schauplatz des Aufstands gegen das Regime Janukowytsch. Distanzen und Perspektiven wechseln, nicht aber das Konzept langer, statischer Tableaus, die das Bild in parallele, gleichwertige Aktionsräume organisieren. Nur einmal wird das visuelle Konzept unfreiwillig suspendiert, als der distanzierte Beobachter in einen Tränengasnebel gerät und uns durch taumelnde Kamerabewegungen und heftiges Husten daran erinnert, dass er auch einen Körper hat.

Eine typische, das heißt: vielschichtige Einstellung in Maidan sieht so aus: Im Hintergrund wird auf einer Bühne eine Rede gehalten, am Rand der Kadrage rührt jemand in einem dampfenden Suppenkessel, ein anderer verteilt Tee, im Vordergrund gehen Menschen an der Kamera vorbei, über das ganze Bild verteilt stehen, sitzen, liegen oder laufen Demonstranten in dicken Jacken und Mützen (später: mit Bauhelmen, Schutzschildern, Gasmasken). Allmählich verändert die Masse ihren Aggregatzustand: Das anfangs noch überwiegend statische, zusammenhängende Gebilde dynamisiert, mobilisiert und zerstreut sich. Die anfangs friedlichen Zusammenkünfte mit ihrem recht wolkigen Gemisch aus nationalreligiösem Pathos und Folklore weichen blutigen Kämpfen gegen das nun ganz konkrete Gegenüber eines hochgerüsteten Polizeiapparats. Gegen Ende dominieren düstere Gefechtspanoramen: Feuerherde und schwarze Rauchwolken, fliegende Pflastersteine, Menschen rennen und gehen in Deckung, Verletzte werden auf Bahren durchs Bild getragen, bald darauf: ein Sarg.

Auf verblüffend evidente Weise zeigt Loznitsa, wie die Revolution buchstäblich eine Demonstration von Bewegung ist: Bewegung von Menschen in verschiedenste Richtungen, Bewegung von Material (von Sandwiches, Sandsäcken, Brettern, Autoreifen). Maidan ist die bildpolitisch kluge Chronik eines Umsturzes und erzählt nicht zuletzt eine Gegengeschichte zum Personalisierungskult des Historienfilms. Auch wenn die Gesänge am Schluss dem Heldentod beziehungswise ewigen Heldenleben gelten: Protagonist in Maidan ist allein die widerständige Masse.

Dieser Text ist in gekürzter Version in der Printausgabe SPEX N° 363 erschienen, die versandkostenfrei hier bestellt werden kann.

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