„Wie könnte ich nicht pessimistischer werden?“ / Magic Island im Interview

Foto: Moritz Freudenberg

Mit Like Water bringt Magic Island nach zwei charmanten EPs ihr erstes Album heraus. Während sich die zehn Dream-Pop-Songs darauf anfühlen wie das sanfte Schaukeln in einer wohlig-warmen Badewanne, treiben Emma Czerny düstere Gedankenspiele um. Im Interview spricht sie über Instagram-Ästhetik, Weltpolitik und dunkle Zukunftsszenarien. 

Die Zauberinsel, die Kneipe, die für Magic Islands Künstlernamen Pate stand, ist längst in den Händen neuer Betreiber. „Es ist nicht mehr das, was es früher war”, sagt Emma Czerny und zuckt mit den Schultern. „Aber die Leute kommen natürlich weiter.” Auch sie verschlägt es immer wieder zurück in die alte Stammkneipe – unter anderem zum Interview mit SPEX.

Der Treffpunkt hat alles, was man von einer Trash-Kneipe erwarten würde: schummriges Stimmungslicht von großzügig verlegten LED-Schläuchen, eine urige Holztheke, Fußball-Devotionalien und trauriges Grünzeug auf den Fensterbänken. Von einer Musikerin, die ätherische wabernde Dream-Pop-Songs in Casio-Sound kleidet, würde man denken, dass sie diesen Ort nur mit einem Höchstmaß an hipsteriger Selbstironie aufsucht.

Und dennoch hat Czerny in der Altherren-Eckkneipe eine Art zu Hause gefunden. Ein starker Kontrast zum pastelligen Artwork, das Magic Islands Musik begleitet. „Es ist wirklich auffällig, wie wichtig das richtige Image in der Musikindustrie ist, und das ist ein Problem für mich”, meint Czerny und holt aus zu einer Kritik an der Oberflächlichkeit der Instagram-Generation. „Leute entwickeln über Instagram Beziehungen zu Menschen, die sie nie getroffen haben. Das basiert alleine auf diesem perfekten Image, deiner Selbstdarstellung über die Ästhetik deines Instagram-Accounts.” Sie schüttelt den Kopf.

„Vielleicht suchen wir in zehn Jahren nach sauberem Trinkwasser.” – Emma Czerny

„Wenn du in diesem Spiel mitmachen willst, musst du etwas Bestimmtes repräsentieren. Aber mir geht es um das genaue Gegenteil. Magic Island soll mir und meinem Charakter gerecht werden.” Czerny arbeitet seit langer Zeit mit einem Künstler zusammen, der sich um ihr Artwork kümmert. Zuletzt hat das Weiche, Ausgewaschene einen düsteren Dreh bekommen, der mit dem Reifungsprozess der Künstlerin einher geht.

„Wie könnte ich mich nicht von der aktuellen Lage beeinflussen lassen und pessimistischer werden?” Czerny spielt natürlich auf die politischen Veränderungen in Europa und dem Rest der Welt an. Trump in den USA, Theresa Mays harter Brexit, Populismus in Deutschland – als Kanadierin mit englischem Pass, die in Berlin lebt und arbeitet, ist sie besonders betroffen. Aber es ist nicht nur das Politische, das sie beschäftigt, sondern auch die Art und Weise, wie es in die Psyche und den Alltag der Gesellschaft Eingang findet.

„Die ganze Welt wird gerade zu einem dunklen Ort, und das macht mir Angst.” Gleichzeitig ist es für Czerny keine Option, uninformiert zu bleiben. „Ich lese jede Menge Artikel, aber am Ende bin ich verwirrter und ratloser als zuvor.” Das gilt auch für die eigenen Prioritäten: „Bis vor kurzem habe ich noch geglaubt, dass ich mir in zehn Jahren Gedanken darüber machen würde, ob ich genug Geld habe, um ein Haus zu kaufen. Jetzt bin ich mir nicht mal mehr sicher, ob das noch relevant sein wird. Vielleicht suchen wir in zehn Jahren nach sauberem Trinkwasser.” Viel dramatischer als dieses Zukunftsszenario wird es im Gespräch nicht, dafür ist Czerny zu gut aufgelegt. Auch das rege Treiben in der Eckkneipe bricht die Ernsthaftigkeit auf absurde Art und Weise.

Billige Soundeffekte des Dartboards dringen ans Ohr. Zwei Alleinunterhalter haben im Hintergrund die Karaokemaschine entdeckt. Celine Dion schallt durch den Raum, gefolgt von Deutschrap und knalligen Schlagerproduktionen. Das komische Zusammenspiel aus Musik und Unterhaltung kulminiert in einem Moment, in dem Czerny über ihre Rolle in einer repressiven, von Rechten kontrollierten Gesellschaft nachdenkt und im Hintergrund eine übermäßig kitschige Kinderinterpretation des einstigen Westlife-Hits „You Raise Me Up” läuft. „Treffend, oder?”, lacht Czerny und blickt sich um in der Stammkneipe, an der sie und die anderen Gäste noch immer festhalten. Auch wenn sie nicht mehr das ist, was sie einmal war.

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