M83

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   Plötzlich ist da diese milchzähnige Mädchenstimme und erzählt von einem »tiny, tiny frog« tief im Dschungel, dessen Berührung Bewusstseinserweiterung, Lachsalven, schlussendlich die glückliche Froschwerdung verspricht. Aber nein, Raconte-Moi Une Histoire – eines der zentralen Stücke (Stream unten) auf dem neuen Doppelalbum von M83 – ist kein Drogentrip. Vielmehr greift der Franzose Anthony Gonzalez hier eine alte Traumerfahrung auf. In einer weniger Freud’schen denn nostalgischen Anwandlung bilden solche das erste Leitmotiv von Hurry Up, We’re Dreaming.

   Das Zweite ist sein mitunter übertriebener Drang nach großen Gesten. »The city is my church«, singt Gonzalez, mittlerweile nach L.A. gezogen, etwa in Midnight City (s.u.). Aber bitte, das ist Koketterie! Die angestrebte Dimension ist eine andere. Also wirft er sich mit seiner Stimme voller Inbrunst in jeden Refrain hinein, als ob er den gesamten Kosmos oder, banaler, zumindest das vor ihm liegende Stadion – wie zuletzt im Vorprogramm von Depeche Mode – ausfüllen müsste. Eben dieses Streben spiegelt sich auch in den Arrangements des fünften M83-Albums wider.

   Elektropop im opulenten Orchestralsound, Chöre, Synthesizer-Drehleihern und -Streicher; bei Midnight City gen Ende auch ein Saxofon: M83 sparen nichts aus. Es ist ein gefährliches Spiel, kann die kleinste faulige Zutat doch ein ganzes Füllhorn guter Ideen verderben. Dennoch geht in dieser Hinsicht auf der ersten der beiden CDs alles gerade noch gut, wenn auch bisweilen atemlos: »We were you before you even existed«, belehrt eine Vocoderstimme im Opener Intro, keine Zeit aber für tieferes Nachsinnen, »Carry on, carry on!«, bricht es sofort aus Gonzalez hervor und es übernimmt die bestechende Nika Danilova (Zola Jesus).

   Was dann zu Beginn der zweiten Platte folgt, ist um viele Längen reicher. New Map ist noch einmal so ein brachialer Überwältigungshit, OK Pal umarmt Toto-esque. Im Mittelteil entsteht dann aber allmählich, was der enormen Dauer dieser Unternehmung geschuldet ist, eine gewisse Übersättigung. Steve McQueen hat wieder den gewissen Punch, doch spätestens mit dem Instrumental Klaus, I Love You stellt sich Müdigkeit ein. Unterhaltsamer ist da schon die Frage, welcher Klaus denn nun gemeint sei? Kinski? Nomi? Voormann? Die Lösung bleibt im Privaten. Klaus, mon amour. Nur ist die Liebe wohl nie vollkommen groß, nie perfekt. Gleiches gilt für dieses weitschweifige Doppelalbum, das auch ein schmissiger Vierzigminüter hätte werden können, seine Widerhaken aber schon längst in die Köpfe der Hörer gegraben hat.

   M83 Hurry Up, We're Dreaming erscheint am 14. Oktober bei Naïve / Indigo. Nachfolgend gibt es Teile des Albums bereits im Stream von Simfy zu hören. Am 28. November spielen Gonzalez und Band ihr bislang einziges Deutschlandkonzert in Berlin.

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M83 live:
28.11.11 Berlin – Gretchen

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