M.I.A. Arular

Zuvorderst sei gesagt: Was da so hingecheert, nicht-ganz-gerappt-und-auch-nicht-ganz-gesungen wird, was da an billigen bassdrums und bleeps und switches, an Dancehall-, Hiphop- und Grime-heritage runtergeschreddert wird, das ist tatsächlich handfest genau das, als was es gehandelt wird: Hit genug, um den ganzen Sommer als Dauerloop hinzugehen.
    Grund genug für so renommierte Blätter wie New Yorker, The Sunday Times und Fader, bereits bei der Quasi-Veröffentlichung »Galang« im Jahr 2003 um große Geschichten Schlange zu stehen.
    Dass »Arular« als heißester Scheiß der Stunde gehandelt wird, hat wohl auch mit glücklichem Timing zu tun, Maya Arulpragasam selber sagt, ihr Erfolg sei außerhalb Großbritanniens kaum denkbar gewesen. Sie mag Recht haben, denn das Format Musik, mit dem sie operiert und das man mittlerweile einigermaßen einhellig als evolutionär up-to-date »Weltmusik« bezeichnet, musste vor allen Dingen auf der Insel auf offene Ohren stoßen: Wiley, Dizzee Rascal, The Bug und wegen meiner in der Art happy-happy-ho-appeal selbst Ms Dynamite sind ihre prominenten und mittlerweile Massenpublikum-erprobten Wegbereiter gewesen.
    Maya operiert in einer Art open source-Manier, bekanntermaßen haben ihre musikalischen Ziehmütter – Justine Frischman und Peaches – sie in die Segnungen der Roland MC-505 eingeweiht. Nach eigenem Belieben ausgesuchte Produzenten – Steve Mackey (Pulp), Ross Orton (Fat Truckers/Cavemen), Dave und Paul aka Switch, die jamaikanische Ms Thing – helfen ihr, die apart schmuddelige Klang-Bricolage zu perfektionieren. Und über dem in letzter Konsequenz poppigen Melodiegerüst schweben die mutwillig nachlässig artikulierten Phonem-spitfires, die wie per Metronom abgezirkelten chants und eingestreuten girly Kiekser der M.I.A herself. »It´s a bomb, yo / Better run, yo / He got Colgate on his teeth / And Reebok Classics on his feet / at the factory he does Nike / And then helps the family«.
    Die gerne mal zweifelhafte Union von Pop und Politik wird im Falle M.I.A. (bei DER Biografie …) ein dankbares Thema. Auch wenn ihre persönlichen Begründungen mitunter seltsam anmuten. Mayas Rechnung ist: Die Musik ist das Refugium der Glückseligkeit. Schön soll es klingen. Vereint in der Musik we stand. Was sie als Reminiszenz an die heilsame Wirkung des Hiphop ihrer frühen (und alienated) Tage in London begreift, ist im Resultat streitbar. Maya sagt, im ganz alltäglichen Popsong wäre jede Menge Rede von »Gucci, Prada, Champagner und Liebe«, aber eben verdammt wenig von »Krieg und Terror« – und sie besorge mit ihren Lyrics einen Ausgleich.
    Maya (und das ist Fluch und Segen zugleich) ist – medial gesehen – so was von Miss Right, dass man sich fast ein wenig sorgen muss. In einer Zeit, da ehemalige Kindersoldatinnen, die Bücher schreiben und/oder Soul singen (China Kaitetsi, Senait Mehari), gern gesehene Talkshow-Gäste sind, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch Maya Arulpragasam als Fräuleinwunder mit der richtigen Portion Realness geladen werden wird.

LABEL: XL Recordings / Beggars Group

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 21.03.2005

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