M.E.S.H. Piteous Gate

Das M.E.S.H.-Debütalbum Piteous Gate dekonstruiert die Dramatik von Hochglanzklängen aus Sample-Bibliotheken für Hollywood-Filme mit driftenden, ortlosen elektronischen Sounds.

Wie kaum ein anderes Label besetzt Pan aus Berlin die Schnittstelle zwischen experimenteller elektronischer Musik und Clubkultur. Labelbetreiber Bill Kouligas wuchs in der Punkszene Athens auf, entdeckte in London elektronische Musik und lebt seit 2009 in Berlin. Auf Pan verbindet er Klangforschung mit dem Momentum der Clubszene und einer fein justierten popkulturellen Sensibilität. Ein Release kann ein Brett des Techno-Produzenten Objekt sein, das nächste kann vom Berliner Postpunk-Helden Frieder Butzmann stammen – oder von James Whipple alias M.E.S.H. Dessen Debütalbum Piteous Gate dekonstruiert die Dramatik von Hochglanzklängen aus Sample-Bibliotheken für Hollywood-Filme mit driftenden, ortlosen elektronischen Sounds.

Unwahrscheinliche Collagen herzustellen und deren unberechenbare Chemie zu erkunden, scheint seit jeher der Produktionsmodus des in Santa Barbara, Kalifornien aufgewachsenen Whipple zu sein. Als Teenager produzierte er einen Mix aus Postpunk, Musique concrète und Drum’n’Bass. Er besuchte ein College in New York und blieb bei einer Reise nach Deutschland in Berlin hängen. Die Stadt habe ihm das Gefühl gegeben, dass man hier ganz und gar für sich sein und sich in seinen Ideen vergraben könne, sagt er. Durch und durch Einzelgänger ist Whipple allerdings nicht. Er wurde Teil des viel beachteten Kollektivs Janus, das die formatierten Clubsounds der Stadt mit irrwitzigem Eklektizismus aufbrach.

Die Vierviertel-Grooves von Techno und House bilden seit jeher die pulsierende Halsschlagader des Berliner Nachtlebens. Deren gebieterischem linearen Prinzip setzt M.E.S.H. in seinen Sets eine widersprüchlichere, zerrissene Dynamik entgegen: Freistehende Klänge werden von Popfetzen etwa einer arabischen Coverversion eines Aaliyah-Gassenhauers oder einer Hookline von Nicki Minaj zusammengehalten. Die Vision seiner Musik besteht darin, dass das Riff, das melodische Leitmotiv eines Stücks, dieses ganz und gar tragen könnte. Auf seiner tollen ersten EP für Pan, Scythians, impfte Whipple den lyrischen Sounds des Detroit-Techno ein schrilles Popmoment ein. Auf Piteous Gate fällt das Nachtleben als Bezugsrahmen weitgehend aus. Die megalomanische Qualität der Klangwelten des aktuellen Blockbuster-Kinos benutzt Whipple wie ein impressionistischer Maler seine Farben. So begegnen sich globale Kulturindustrie und Berliner Alltag. Sympathisch ist die zurückhaltende Nachdenklichkeit der Tracks, die klar umreißen, wo Pop 2015 steht: Das Dämonische und das Emanzipatorische liegen oft irritierend nah beieinander.

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