Lust For Youth International

Beim uninformierten, quasi blinden Durchhören der zehn Stücke dieses Albums war meine erste Notiz: Lust For Youth klingen international! Dann erst fiel mir auf, dass die Platte auch so heißt. Scheint also zu passen: Musik für Erdenbürger, für Reisende, für Leute, die einen Planeten ihre Heimat nennen und nicht ein Land. International pendelt zwischen Flughäfen, sonnige Inseln spielen genauso eine Rolle wie einsame Hotelzimmer, orientierungslose Taxifahrten, verregnete, gottverlassene Großstädte. Überall hört man Stimmen in unterschiedlichen Sprachen, ziemlich verhallt, darüber ein am Poparchiv geschulter Sound, der in seiner Weite in etwa der Luftlinie von Kopenhagen bis zur Haçienda von New Order entspricht. Depeche Mode grüßen stilistisch (»Armida«) und werden mit einer weiblichen Stimme kombiniert, die den Wunsch aufkommen lässt, Dave Gahan hätte sein Mikrofon von Zeit zu Zeit an eine Sängerin abgegeben. Ein Puzzle der Referenzen.

Aus dem einstigen Soloprojekt Hannes Norrvides, das bisher eher düster war, ist Musik entstanden, die im klar zitierten Outfit der wavigen Achtzigerjahre wie der Soundtrack eines rastlosen, hedonistischen Lebens klingt, mit langen Nächten und kurzen Tagen. International klingt viel positiver, stellenweise fast wie ein Jetset-Score, dann aber wieder einsam und in sich gekehrt. Der höchst fotogene Norrvide, der musikalisch wie optisch der Sohn von Chris & Cosey sein könnte, hat sein Projekt dabei zur Band erweitert: Loke Rahbek, der in der Kopenhagener Szene mit seinem Label Posh Isolation, als Mitglied der mittlerweile aufgelösten Vår und unter dem Pseudonym Damien Dubrovnik mit Noise in Fetischgangart zu einem der produktivsten Protagonisten der Stadt geworden ist, sowie Malthe Fisher sorgen für einen breiteren, tieferen Sound. In dieser Konstellation entwachsen Lust For Youth ein Stück weit der Sphäre von Bands wie Cold Cave oder vergleichbaren elektronischen Ablegern der Achtziger und reihen sich, die Vielfalt des Stammlabels Sacred Bones erweiternd, stimmig in deren Katalog ein.

»Running«, das vorletzte Stück des Albums, erzeugt dabei das wohl repräsentativste Bild der Platte: Der Song erinnert an Underworld, Bilder aus Trainspotting kommen einem in den Sinn, im hinteren Teil des Films angesiedelt, als Mark Renton fassungslos, aber amüsiert und mit breitem Grinsen in einen Technoclub stolpert: Genau wie der Film erzählen Lust For Youth auf die wohl tanzbarste Art und Weise von den ups and downs des hippen Lebens.

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