Luke Haines

Luke Haines Pop-Briefing TonträgerWaak: Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch: »The Rocky Horror Picture Show«.

    Hübener: Kunden, die Platten von Luke Haines kauften, kauften auch Bücher von Stewart Home, Guy Debord, Andy Warhol, Julie Burchill, Tracey Emin, Georges Bataille, Sadie Plant, Thomas Pynchon, Mishima Yukio, Louis-Ferdinand Céline, Pier Paolo Pasolini, John Milton, Bret Easton Ellis und Musik von Black Box Recorder, The Auteurs, Baader Meinhof, Serge Gainsbourg, The Kinks, The Divine Comedy, Sparks, Neu!, Denim, The Passage, The Virgin Prunes, Patrik Fitzgerald, Moondog, Jacques Brel, Josef K, Marquis de Sade, Bill Pritchard, Brian Eno und Roxy Music. Und für den Satz »Life is unfair / Kill yourself or get over it«, der 1998 erwartbar zum Radio- und MTV-Boykott der Black-Box-Recorder-Single »Child Psychology« führte, könnten sie den Selbstsaboteur und diplomierten Sarkasten Haines noch heute herzen.


STREAM: Black Box Recorder – Child Psychology

    Hammelehle: Kunden, die diese Platte mögen, hatten sich womöglich schon länger einen bösartigen Klon von Jonathan Richman gewünscht. Haines Lieder sind vordergründig ebenso geradlinig und kindlich wie die Richmans, doch fehlt ihnen die entscheidende Gutherzigkeit. Haines ist ein singender, leicht bitter wirkender Schrat mit großer Vergangenheit: »The Facts of Life«, das im Jahr 2000 erschienene zweite Album seiner damaligen Band Black Box Recorder, kann gar nicht hoch genug gelobt werden für seinen so beiläufig daher kommenden, wie smarten, fast jede Art gesellschaftlichen Abgrunds mit dem nötigen Ennui beschreibenden Elektropop. Das allerdings lag auch an der Sängerin Sarah Nixey – die fehlt Haines auf diesem Album eindeutig. Ohne Nixeys Rafinesse wirkt Haines Musik ein wenig ungeschlacht. Man darf sich die Sängergestalt dieser Platte sinnbildlich durchaus als mürrischen, leicht verwahrlosten Pubbesucher vorstellen, der sich während einer Suada auf der Toilette die eigene Hose einnässt.

    Hübener: Ganz so schlimm ist es dann doch noch nicht mit dem mürrischen Herrn Haines. Und es ist ja bezeichnend, dass die Black-Box-Recorder-Chanteuse Sarah Nixey, welche auf unvergleichliche Weise einfühlsam und distanziert zugleich singen konnte, mit ihren Soloversuchen in keinster Weise an die künstlerischen Höhenflüge dieser von Haines angeführten und viel zu früh aufgelösten Dark-Pop-Band anknüpfen kann. Kunden, die Black Box Recorder kauften, würden daher zwar am liebsten noch mehr Black Box Recorder kaufen, geben sich aber notfalls auch mit dem Haines’schen Solowerk zufrieden. Zumal das dritte Album dieses urbritischen Exzentrikers und gut gehüteten Songwriter-Geheimnisses sein bis dato stärkstes ist. Haines war der giftende Zyniker, der sich den beim Britpop-Kindergeburtstag aufgehängten Luftballons mit der Stecknadel näherte. Als Trainingsjackenbands wie Blur dem auf die Insel dringenden maskulinen Grunge mit der Wiederbelebung von Wimp-Traditionen Paroli bieten wollten, nannte er ein Album »Now I’m a Cowboy« und bewarb sein Projekt Baader Meinhof mit Anleitungen zum Bau von Tränengasbomben. Zuletzt schrieb er ein böses Buch über Britpop und rief in der Tradition der Situationistischen Internationale zu englandweiten Kunststreiks auf.


STREAM: Luke Haines – 21st Century Man

    Mittlerweile ist der einstige Kopf der Glam-Popper The Auteurs Vater und operiert für seine Verhältnisse beinahe gemäßigt. Fast hätte er das Album »Exile on Haines Street« genannt. Und über Exilierte aus eigenem Antrieb und Pretender jeder Couleur singt er darauf auch am liebsten, am eindrucksvollsten vielleicht über den Jesus-Impersonator Klaus Kinski. Im Wesentlichen gibt es hier zwei Arten von Songs: Die Glam-Stomper mit der fuzzy Gitarre, welche ein bisschen nerven (»Peter Hammill«, »Wot A Rotter«) und wahrscheinlich für die »Rocky Horror Picture Show«-Kaufempfehlung verantwortlich sind, und die schein-saccharinen, balladesken, halbakustischen Gitarrenstücke mit ihren Twang-Effekten, mellotronigen Synthies und Glockenspielverzierungen, die ein wenig nach den Kinks in ihrer »The Kinks are the Village Green Preservation Society«-Zeit (1968) klingen (insbesondere »Love Letter to London« hat eine Ray-Davies-Sensibilität) und bei denen der Song die Rolle des glasierten Weihnachtsapfels spielt und Haines die des Wurms darin. Die Frohe Botschaft: Die zweite Sorte Song ist in deutlicher Überzahl. Allen Neulandbetretern und Grenzenverschiebern sei aber gesagt: Musik für das 21. Jahrhundert ist das dem Titel zum Trotz nicht. Der hat mehr damit zu tun, dass das Sein in guter existenzialistischer Tradition vom persönlichen Tode her gedacht wird: Im Titelstück erklärt Haines, er sei ein »21st century man«, weil er im 21. Jahrhundert sterben werde.

 

LABEL: Fantastic Plastic | VERTRIEB: RTD | : 19.03.2010

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