Luiz Ruffato gilt als literarisches Gewissen Brasiliens. Doch wie das halbe Land befindet sich auch einer seiner wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller im Schockzustand. Denn für ihn ist heute alles schlimmer als zuvor.  

Sein Weg ist für einen preisgekrönten brasilianischen Schriftsteller eher untypisch: Luiz Ruffato wuchs als Kind einer Arbeiterfamilie im vernachlässigten Bundesstaat Minas Gerais auf. Nach der Schule arbeitete er zunächst als Verkäufer, Textilarbeiter und Schlosser, studierte aber gleichzeitig Journalismus, dem er anschließend auch als Reporter und Autor in São Paulo nachging. Ende des vergangenen Jahrtausends begann er schließlich auch als Romanautor Fuß zu fassen. Seine nach eigener Aussage von James Joyce und John Dos Passos geprägten Erzählungen sorgen gleich zu Beginn seiner Karriere für einigen Wirbel in Brasilien, weil sie unapologetisch die tief greifenden Probleme der dortigen Gesellschaft ansprechen.

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„Ich halte keine Fahne hoch“ – Luiz Ruffato (Foto: Theo Bruns / Bearbeitung: SPEX).

Zum Gespräch erwischt man Ruffato pünktlich zum Feierabend um 12 Uhr Ortszeit. Seit Jahren steht der 58-Jährige frühstmöglich auf, arbeitet bis zur Mittagszeit durch und beschäftigt sich danach mit anderen Dingen. Mit Politik zum Beispiel, wobei er sich nie als politischer Schriftsteller bezeichnen würde. Aber geht das in diesen Tagen überhaupt, Künstler_in und nicht politisch sein? Ruffato hat die Antwort spätestens 2013 gegeben, als er anlässlich der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse  eine Brandrede hielt, die mit so ziemlich jedem Klischee über Brasilien aufräumte. Und davor warnte, was noch kommen könnte. Wenn er die Rede heute noch mal halten müsste? Wäre das sehr schmerzlich, sagt Ruffato. „Weil alles noch viel schlimmer geworden ist.“

SPEX: Toni Morrison beschrieb den Moment, als George W. Bush wiedergewählt wurde folgendermaßen: Sie habe nicht schreiben können, sich einfach nur wie gelähmt gefühlt. Ein befreundeter Künstler habe sie dann darauf hingewiesen, dass Künstler_innen genau in solchen Momenten mit der Arbeit beginnen müssten. Sehen Sie das auch so?

Luiz Ruffato: Jede_r Künstler_in wird in solchen Situationen individuell reagieren. In Brasilien erleben wir gerade allerdings eine sehr ernste politische und wirtschaftliche Krise, die einen als Künstler_in dazu verpflichtet, sich politisch zu positionieren. Das wiederum bringt einen gezwungenermaßen zum Arbeiten.

Morrisons Gefühl der Lähmung können sie aber nachvollziehen?

Ich persönlich fühle mich auf der einen Seite gelähmt, aufgrund der, man kann schon fast sagen, Depression, die uns hier erfasst hat. Auf der anderen Seite spüre ich eine Verpflichtung zum Weiterschreiben. Aber ich bin kein Politiker, kein Soziologe, kein Politikwissenschaftler. Ich bin nur Schriftsteller.

Sie betonen immer wieder, dass Sie sich nicht als politischen Schriftsteller sehen, sondern „nur“ als Schriftsteller. Ist das in diesen Zeiten überhaupt möglich? 

Ich verstehe, dass meine literarische Arbeit politisch ist, weil sie eben in der brasilianischen Gesellschaft handelt. In diesem Sinne ist es politische Literatur. Wenn ich aber sage, dass ich bin kein politischer Schriftsteller bin, dann meine ich damit, dass es in meinen Büchern keine politische Überzeugung gibt, ich halte keine Fahne hoch. Ich glaube, dass meine Bücher die Gesellschaft in einer sehr komplexen Art und Weise repräsentieren, ohne einen bestimmten ideologischen Standpunkt zu verteidigen. Aber natürlich bildet man in der Themenauswahl und auch in der Auswahl der Protagonist_innen einen politischen Ausschnitt ab.

In Ihrem neuesten Roman Das Buch der Unmöglichkeiten, der in Brasilien schon 2008 erschien, kommen auch Rassist_innen vor, die sich „die harte Hand“ der Diktatur zurückwünschen. Haben Sie damit die aktuellen Umstände in Brasilien vorhergesehen?

Ich verbrachte meine Kindheit und Jugend noch unter der Militärdiktatur, ich habe diese Zeit der Repression miterlebt. Als ich gerade anfing zu studieren, hatte ich sogar noch die Möglichkeit, aktiv dagegen zu kämpfen. Ich hätte nie gedacht, dass wir wieder dorthin zurückgehen. Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen damals und heute.

Was meinen Sie damit?

Das war ein autoritärer Staatsapparat, der Menschen verfolgte, folterte und tötete. Interessanterweise ist das heute anders. Das Militär ist nicht an der Macht, es war kein Putsch gegen die Demokratie – sondern die freie Entscheidung des Volkes. Damals gab es einen entscheidenden Bruch, in der Justiz, im ganzen politischen System, heute nicht. Der Rassismus kam ganz direkt durch die Stimmen der Menschen an die Macht, er wurde demokratisch gewählt. Und das ist für mich sehr schwierig zu verstehen.

Bolsonaro hat sehr schnell das Kulturministerium abgeschafft. Wie wirkt sich das auf auf ihre Arbeit aus?

Diese Entscheidung wurde von Menschen getroffen, die Kultur, das intellektuelle Leben an sich, grundsätzlich herabwürdigen. Es sind mittelmäßige Personen, die stolz auf ihre Mittelmäßigkeit sind. Für mich persönlich, wenn wir in Bezug auf das Finanzielle sprechen, beeinflusst mich das nicht, weil ich keinerlei Verbindung zum Staat habe, ganz im Gegenteil, seit 2013, als ich meine Rede in Frankfurt (auf der Buchmesse, Anm. d. Red.) hielt, wurde ich zur Persona non grata erklärt.

„Alles hat sich verschlechtert, ohne Ausnahme“

Und wie sieht es mit dem kulturellen Leben an sich aus?

Es hat natürlich Auswirkungen, es gibt keine Finanzierung für Festivals, für Veranstaltungen. Es geht aber nicht nur um das Kulturministerium. Das Chaos, dass derzeit im Bildungsministerium herrscht, ist viel schlimmer. Das ist meine größere Sorge.

Sie haben gerade Ihre Eröffnungsrede auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2013 erwähnt, mit der Sie in Deutschland ziemlich bekannt geworden sind. Damals räumten Sie eindringlich mit dem gängigen Bild Brasiliens in Europa auf und warnten vor dem, was noch kommen könnte.

(lacht)

Wenn Sie die Rede heute noch mal halten müssten, was würden sie sagen?

Zufälligerweise war ich vor Kurzem zu einer Veranstaltung einer Gemeinschaftsbibliothek eingeladen. Zu Beginn zeigten sie besagte Rede und ich sagte zum Veranstalter: ‚Es ist alles nur noch schlimmer geworden’. Alle Daten, auf die ich mich 2013 bezog, sind 2019 schlimmer geworden. Egal ob es die Gewalt in den Städten ist, die sinkende Zahl der Bibliotheken in Brasilien, die Lebensumstände der Minderheiten wie etwa der LGBTQ-Community, der Schwarzen Menschen, der indigenen Bevölkerung, die Situation der Frauen. Mit anderen Worten: Alles hat sich verschlechtert, ohne Ausnahme. Ich müsste also schmerzlich neue Zahlen nennen.

Gibt es denn auch positive Entwicklungen, Gründe zur Hoffnung?

Ich würde gerne etwas Positives nennen, sagen, dass die Situation sich zum Besseren entwickelt. Aber wir haben einen demokratisch gewählten Präsidenten, der uns jeden Tag aufs Neue zeigt, dass er das Land sehr schlecht regiert. Noch nicht einmal wir, die ihn nicht mögen, hätten gedacht, dass er das so schlecht machen würde.

Und wie geht es Ihrer Ansicht nach nun weiter?

Entweder wir werden eine vierjährige Amtszeit Bolsonaros erleben, die das Land in einem desolaten Zustand hinterlassen wird. Oder er bringt sein Mandat nicht zu Ende und das Militär übernimmt. Es gibt also kaum etwas, das uns positiv in die nähere Zukunft blicken lässt.