Loyle Carner „Yesterday’s Gone“ / Review

Sprache als Neuanfang verstehen und Familie als Zukunftsperspektive begreifen: Die Katharsis dieses Londoner Rappers ist faszinierend – und sie macht Hoffnung.

Dass London das Epizentrum britischer Rap-Musik ist, ist keine Neuheit. Und doch, so scheint es, steht diese Stadt stärker im Fokus als je zuvor. Sie kämpft mit Rassismus, Gentrifizierung und Elitarismus. Der teure Stadtkern schiebt das, was ihm nicht gefällt, an die Ränder und in die Ausläufer. Zuletzt befeuerte der Brexit das Aufbegehren gegen die Multikultur der Metropole. Gerade in diesen Zeiten zeigt sich die musikalische Revolte gegen die Unterdrückung so stark wie selten zuvor. Kate Tempest kommt aus Brockley, Little Simz aus Islington und jetzt legt Benjamin Coyle-Larner aus dem Süden der Stadt unter dem spooneristischen Künstlernamen Loyle Carner ein Debütalbum vor, das ein weiteres Mal beweist, dass die großen Erzähler des Hip-Hop derzeit aus England stammen.

Umso erstaunlicher ist es, dass er in Deutschland noch für einen Geheimtipp gehalten wird. In Großbritannien begeistert er Massen mit seinem erstaunlich präzisen Flow, der Füllwörter komplett vermeidet, war mit Nas und eben genannter Kate Tempest auf Tour und schafft es auf seinem Debüt, die komplette Bandbreite von jazzigen Beats, tanzbarem Pop und lyrischer Stilsicherheit zu vereinen. Hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Seine Begeisterung für den Hip-Hop der Neunziger á la A Tribe Called Quest oder The Roots ist genauso herauszuhören wie das feinsinnige Gespür für Sprache, das nicht nur hilft, zutiefst sensibilisiert von persönlichen Schicksalswegen zu berichten, sondern auch eine retrospektive Erzählform eröffnet, die einem Hoffnung zuspricht.

Auf Yesterday’s Gone geht es nicht um die großen globalen Probleme. Aber es geht um den innersten Zusammenhalt, die kleinen Bewegungen.

Denn Yesterday’s Gone ist Katharsis und Familiendenkmal zugleich. Die persönlichen Referenzen, die das Album schmücken – etwa die angerissene Geschichte seines guyanischen Vaters, den er kaum kannte, oder die Hommage an den Wohnort seines Großvaters im Titel der Single „The Isle Of Arran“, die auch seine persönliche Krise mit Gott thematisiert – berichten von einer Vergangenheit, die nicht immer die Leichtigkeit hatte, mit der er jetzt auffährt. Loyle Carner, dem mit 17 Jahren ADHS diagnostiziert wurde und der sich seitdem für Kinder mit ähnlicher Krankheitsgeschichte engagiert, hat sich von den Geistern, die ihn umgaben, befreit und flüchtet in die Musik. Auch dank seiner Familie, die mit einigen seiner Freunde sogar das Cover ziert und damit auch optisch präsent ist. Er spinnt daraus faszinierende Erkenntnisse: „So keep your mouth closed shut / Eyes wide open when that doubt rose up / ‚Cause if that drought shows nothing but the clouds hold nothing but the sound“.

Die Wahrheit ist nicht das gute Geld, von dem man als Kind träumt. Die Wahrheit liegt bei Loyle Carner im Benennen und vollzieht sich durch das Erzählen. Und so ehrlich wie er macht es kaum jemand. Er spricht über die Unterdrückten, über seine Vorbilder („No CD“), seinen verstorbenen Stiefvater, den er als sozialen Vater lieben lernte („Cantona“) und Loyle Carner erscheint dabei reflektiert und abgeklärt. Umso begeisternder, dass er sich einen Optimismus wahrt, der ansteckt. „I’ll be running ‚till the ground open up“, heißt es weiterhin im Opener „The Isle Of Arran“.

Auf Yesterday’s Gone geht es nicht um die großen globalen Probleme, nein. Aber es geht um den innersten Zusammenhalt, die kleinen Bewegungen. Das, was uns von kleinauf begleitet und das, was wir durch Beistand überstehen können. Loyle Carner spricht Bände und rappt mit einer so tief wirkenden Selbstverständlichkeit, dass es einen überkommt: Manchmal kann diese Welt eine schöne sein, man muss nur etwas genauer zuhören.

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