Lower Seek Warmer Climes

Nach acht Minuten waren Lower fertig mit Hardcore. Im Sommer 2012 veröffentlichte die Band aus Kopenhagen ihre Debüt-EP Walk On Heads, vier Songs in den besagten acht Minuten, wüst, wütend und depressiv. Dann spielten sie ein paar Shows in Kellern ohne Bühnen, gingen zurück in ihren Proberaum in einer stillgelegten Autowerkstatt, unterschrieben bei Matador und legten Hardcore zu den Akten. Seek Warmer Climes ist Debütalbum und Neuerfindung zugleich. Verändert hat sich alles bis auf die Gesinnung von Lower, eine Mischung aus Arroganz und Ambitionen, die sich vor allem daraus ergibt, dass der Band so scheiße langweilig ist in Kopenhagen.

Man könnte also auch sagen: Gar nichts hat sich verändert. Es gibt gerade viele Bands mit spitzen Knochen in Dänemark, und Lower sind diejenige, bei der das wenigste Fleisch an den Knochen dran ist. Schon Walk On Heads kommunizierte Härte und Gnadenlosigkeit nicht allein über verzerrte Gitarren und Schlagzeuggekessel. Das gab es zwar auch auf der Platte, aber eigentlich nur, damit Frontmann Adrian Toubro noch lauter brüllen musste. Seek Warmer Climes vertraut nun ganz auf seine Drinnenstimme. Statt ihre musikalischen Flussbegradigungen fortzuführen, betreibt die Band dazu Präzisionsarbeit: Plötzlich kann man Reverb auf den Vocals, Chrom auf den Gitarren und humorlose No-Wave-Bassläufe hören, einen Hang zur größtmöglichen Geste erkennen. Ich habe natürlich noch nie ein ganzes Album von U2 gehört, würde mir aber einreden lassen, dass die am Anfang ihrer Karriere ähnlich drauf waren.

In erster Linie hat das mit Toubro zu tun. Der Sänger und Texter mag es von Haus aus hochgestochen, wirkt mit seinem eckigen Musterschüler-Englisch aber auch extraprätentiös, ohne dass es für die Band zum Nachteil würde. »Expanding Horizons (Dar Es Salaam)« ist sein Bericht über ein gap year in Tansania, das als Mission im Namen des Herrn beginnt und beinahe mit einem Entführungsthriller in der Millionenstadt aus dem Songtitel endet. Toubro macht daraus ein Lehrstück zur Vergeblichkeit seiner jugendlichen Weltverbesserungsabsichten, die Band brennt sehr, sehr langsam ein paar Post-Punk-Kerzen runter. Das klingt bei Lower dann wie ein normaler Arbeitstag.

Seek Warmer Climes verlässt trotzdem nie den Handlungsrahmen seines selbst auferlegten Grau-in-Grau. Das ist Rockmusik von jungen, verbissenen Männern, so wie Silence Yourself von Savages Rockmusik von jungen, verbissenen Frauen war. Man erkennt das an und bestaunt es bisweilen für seinen feierlichen Ernst. Man kann es aber nur lieben, wenn man auch das schärfste Messer zu Hause im Messerblock liebt.

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