Low »Ones And Sixes« / Review

Was für eine zarte Lawine!

Information: Dies ist keine Produktauskunft. Assoziation: Wenn die Weißen Wanderer aus Game Of Thrones nicht so stereotypisch böse und übermächtig, sondern etwas positiv angekränkelt und melancholischer, vielleicht auch suchender als wutbürgerlich-pseudoselbstbewusst wären, dann könnte man sie auf dem ersten Song des neuen Low-Albums auf einen zustapfen hören. Vielleicht sind Low ja die aussterbenden Mini-Riesen der Wildlinge. Wobei man die oftmals etwas überdeutliche Bildsprache der TV-Serie nicht unbedingt sofort mit der zarten Musik von Low in Einklang bringen würde.

Wie dem auch sei – entscheidender ist es eben zu gehen, statt zu rennen –, Low schleichen sich seit Mitte der Neunziger irgendwie durch die Welt davon. Damals galten sie als eine der wichtigen Bands einer neuen Introvertiertheit, nennen wir sie langsamen Dream Pop, der nicht so posend wie die Shoegazer aus der diesseitigen Welt ins Innere flüchtete, mal populärer wie die Cowboy Junkies, mal luzide wie Mazzy Star oder Transient Waves, mal entrückt-offen wie Galaxie 500. Stets zwischen akustischer Gitarre und kreischenden Feedbacks schwankend, tastend.

Mündige Erben dieses Ansatzes sind heute Beach House oder Lower Dens, wobei diese im Tempo (nicht im Gestus) fast schon zu schnell sind. Als bekennender Fan der oben genannten Acts fielen Low bei mir zunächst, zehn Jahre lang etwa, des Öfteren durch das persönliche Relevanzraster. Das sei hiermit ausdrücklich nachjustiert: Die letzten Alben und vor allem Ones And Sixes werden zumindest nominiert für den Inselplattenkanon. »Spanish Translation« ist einer dieser Songs, die ein Leben verändern. Zumindest für fünf Minuten.

Diese Momente können zahlreich sein und sich zu fiktiven Kräften verdichten, die reale Auswirkungen haben: Trost zum Beispiel. Die Zeit stoppt, das Hier und Jetzt wird ewig. Darum macht man das doch alles: um immer wieder überrascht und angehalten zu werden, um neuen Schwung zu bekommen. Denn im wirklichen Leben gibt es noch genug zu tun, um Lebenswelten zu verbessern und Quenglern (im Sinne von Drängelnden, nicht Weinenden) und Krawallbürsten entschieden entgegenzutreten.

Genau an diesen Punkten machen die hymnischen »Lies«, »Congregation«, das episch-psychedelische, knapp zehn Minuten lange »Landslide« und mit »DJ« der beruhigendste Abgesang seit langem weiter und entfalten ein Netzwerk aus Emotionen. In diesem kann man sich durchaus länger aufhalten und wohlfühlen, den Kontakt zum Profanen angenehm verlieren. Ich gestehe: Für mich Dream-Pop-Nerd ist Ones And Sixes Lows bestes, weil berührendstes Album. Und das nicht etwa, weil ich mich an die anderen nicht mehr erinnere. Was für eine zarte Lawine!

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