„Loveless“ – Filmfeature zum Kinostart

Hat sie schon das Zementblockgefühl im Magen? Marjana Spiwak in Loveless
Hat sie schon das Zementblockgefühl im Magen? Marjana Spiwak in Loveless

Eine Lektion in menschlichen Abgründen: Andrej Swjaginzew, der Dostojewski des russischen Kinos, erteilt sie in Loveless diesmal in Form eines Familiendramas. Und ist einmal mehr grausam und grandios.

Das russische Kino hat sich über die Jahre ein Image erworben, das dem der russischen Mafia gleicht: hart, brutal und sehr, sehr finster. Andrej Swjaginzew ist daran nicht unschuldig. Sein Regiedebüt Die Rückkehr von 2003 prägte sich durch den absolut schonungslosen Blick auf ein Vater-Söhne-Verhältnis ein, und sein letzter Film, Leviathan (hier unsere Besprechung aus SPEX No. 359) von 2014, erzählte von den korrupten Machtverhältnissen im heutigen Russland mit fast verstörender analytischer Kälte.

Auch Swjaginzews aktueller Film Loveless lässt das Publikum wieder mit Zementblockgefühl im Magen zurück. Wobei erneut, wie schon bei den Vorgängerfilmen, auch große Bewunderung für seine cineastischen Methoden dazukommt. Denn Loveless ist zwar kein Unterhaltungsfilm, aber doch alles andere als ein freudloses Kinoerlebnis.

Es geht um ein Ehepaar, das sich scheiden lässt. Noch müssen sie eine Wohnung teilen, ihre Kommunikation ist entsprechend kurz und hasserfüllt. Beide wollen ein neues Leben mit neuen Partnern beginnen – unbelastet vom gemeinsamen 12-jährigen Sohn. In einer der wohl grausamsten Szenen der Filmgeschichte enthüllt Swjaginzew, wie der Junge mitbekommt, dass weder sein Vater noch seine Mutter ihn länger bei sich haben möchten. Am nächsten Tag ist er verschwunden. Mit den Eltern begibt sich auch der Film auf die Suche.

Wenn es um Kinder geht, schlagen die Gefühle hoch, das ist so etwas wie ein Kinogesetz. Aber Swjaginzew setzt der reflexhaften Emotionalisierung das messerscharfe Kalkül einer Kameraarbeit entgegen, die den Zuschauer zum distanzierten Beobachter macht: lange, ruhige Einstellungen, deren Fokus manchmal wie von Dämonenhand gelenkt von den Personen weg in die Landschaft oder zu einem sprechenden Detail am Rande abwandert.

Das Ergebnis ist jede Menge Suspense – und eine Lektion in menschlichen Abgründen. Wobei es Swjaginzew erstaunlicherweise gelingt, die Eltern nicht nur als Monster zu zeigen. Die angeklagte „Lieblosigkeit“ ist nicht allein ihr individuelles Manko, es ist der vorherrschende Zug einer auf Egoismus ausgerichteten Gesellschaft.

Loveless
Russland 2017
Regie: Andrej Swjaginzew
Mit Marjana Spiwak, Alexei Rosin, Matwei Nowikow u. a.

Dieser Text ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 379 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei online bestellt werden.

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