Louis Philippe An Unknown Spring

Endpunkte, verwirklichte Aufgaben, kann man sich so was leisten? – Louis Philippe zählt zu jenen, die beständig eine Leerstelle im Werk Brian Wilsons bearbeiten. Bevor alle Welt  auf die Frage nach dem besten Album »Pet Sounds« jubilierte, spielte sein Bandprojekt The Border Boys 1983 Surf als Beat. Mit der nächsten Bandidee The Arcadians hatte sich Philippe dann schon zu der offenbaren Leerstelle vorgewagt und umkreiste die Pastorale von »Surf´s up« in stiller Referenz. Sein erstes Soloalbum »Appointment With Venus« mag als Meilenstein in der Variation Wilsonscher Techniken gelten.

    Enttäuscht davon, es nicht gewürdigt zu finden, boykottierte ich die Spex, glücklicherweise nur für zwei Ausgaben. Die LP bot älteren Teenagern aber einfach auch zu schöne Angebote an aufregend verfeinerter Identifikation. Ein Debüt, welches in einer Ästhetik des wissentlich inszenierten Experiments von Unschuld erzählte. Noch knapp zwei Jahre hielt Philippe das Niveau und versank dann in eine Routine die keiner Aktualität standhielt.

    Erst 2003 gelang Sportreporter Philippe eine verblüffende Rückkehr zur Form, »My Favourite Part Of You« schlug alles, was sich in den letzten Jahren auf dem mittlerweile völlig überfüllten Parcours der Wilson-Eleven tummelte. O´Hagan wusste das, andere auch, außer der Kundschaft. Aber der kommerzielle Misserfolg mag die Weichen zu »An Unknown Spring« gestellt haben. Klack, klack auf eine richtige Schiene, Ziel nicht bekannt. Dabei scheint es doch längst markiert. Als er einst auf der Single »Anthony Bay« Sunshine-Pop an Guillaume Dufay anschloss, war dies noch der Programmatik des él! Labels geschuldet (The Old Testament to the new Instruments).

    Der unbekannte Frühling belebt nun in seinem Sehnen nach Vollendung Vorstellungen vom 19. Jahrhundert. Philippe folgt der These, »Pet Sounds« sei die Kammermusik der Pop-Ära. Er formt einen Liederkreis aus oft als Miniaturen angelegten Stücken in denen die Exploration des Themas mehr interessiert als ein Strophe-Refrain-Schema. Die bekannten Pauken und Cymbals tragen den bekannten Rhythmus zu Piano-Moll-Akkorden, gezupften Bass-Saiten und all dem üblichen Instrumentarium. Aber hier lebt es auf, befreit sich noch einmal und findet, was die anderen Wilson Schüler niemals erahnten. Philippe ist ihr Primus und schwänzt die Streberschule. Lieber spaziert er durch Park-Landschaften. Nicht nur das Coverbild erinnert an die Stimmungen Yang Fudongs Video »Seven Intellectuals In Bamboo Forest«. Ein Bewusstsein in ungreifbarer Weite an einem Ende angelangt zu sein, kein Weiter auf diesem Weg mehr zu wissen ohne sich selber zurückzulassen, verbindet Bilder und Musik. »Walking On Air« nennt er die Einsicht.

    Erwachsen geworden in einer Musik, die ihrem mythischen Ursprung nach so viel Angst davor hatte, dass sie reiner Geist werden wollte und unsanft auf den Boden fiel. Anders als sein Lehrmeister stand Philippe stets im Leben und fand Geschichten, Spuren in Gesichtern, Unvermeidliches. In entrückten Harmonien und feinsten Verzierungen erzählt das Album nun unentwegt davon, von Liebe, Tristesse, Frühling, Winter – und selten war all dies Empfinden so präsent.

LABEL: Dandyland

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 02.11.2007

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