Louis Cole „Time“ / Review

Vom Youtube-Phänomen in die Playlisten dieser Welt! Louis Cole hat den Zeitgeist verstanden, ihn mutieren lassen und in Time gepresst. Dringend hörbar und absurd aktuell.

Louis Cole ist ein dünner Mann mit dünner Stimme aus Los Angeles. Einer zudem, der unfassbar gut Schlagzeug spielt, live zu seinen Funk-Beat-Gewittern mit postironisch tiefer Stimme „Louis Cole“ oder den Veranstaltungsort ins Mikro croont, gerne Skelett- oder Muskelbildanzüge trägt. Und nicht zuletzt in der interessantesten Band unserer Zeit aktiv ist, dem von ihm und Genevieve Atardi bereits vor Jahren gegründeten Achtziger-Fusion-Funk-trifft-Skrillex-Youtube-D.I.Y.-Spektakel namens Knower. Dieser Cole, der solo oder mit Knower bislang von Musikmedien sträflich ignoriert wurde und nur auf Youtube oder anderen Plattformen veröffentlichte, bringt nun auf Flying Lotus’ Label Brainfeeder ein Album heraus. Und es ist erwartungsgemäß, genau, hervorragend!

Ein Meisterwerk geschmackvollster Geschmackstransgression.

Time heißt die Platte, und tatsächlich handeln viele Stücke von Zeit, wie etwa der Opener „Weird Part Of The Night“, zu dem es schon seit über einem Jahr ein fantastisches Video samt prominenter goldener Hose gibt. Cole beschreibt darin zu hart schwingendem Plastik-Funk und hunderttausend Fusion-Akkorden, wie ihm zwischen drei und sechs Uhr morgens die besten Ideen kommen, denn: „All the bullshit goes away“. Blöd nur: „Then it comes back in the day“.

Dieser goofy Fatalismus zieht sich durch die besten der 14 Songs auf Time, wie etwa das kosmisch groovende und von postorgasmischer Emotionsdeflation handelnde „After The Load Is Blown“ oder den Internethit „When You’re Ugly“ (feat. Genevieve Artadi). Ein weiteres Highlight dieses unglaublich albernen, stressig zuckenden, zärtlich glühenden Wahnsinnswerks ist „A Little Bit More Time“: Easy-Listening-Groove, Beach-Boys-Gefühl, wieder herrlich eklige Fusion-Harmonien, ein Meisterwerk geschmackvollster Geschmackstransgression. Wie auch immer: Kaufen Sie dieses Album und hören Sie es rauf und runter!

1 KOMMENTAR

  1. Bislang konnte man die Musik von Louis Cole kaum auf „Platte“ kaufen. Alles von „Knower“, seinem, zusammen mit der Sängerin Genevieve Artadi, ursprünglich als Duo angelegten Projekt, gab und gibt es in erster Linie auf Youtube. Grandiose Feiern des grenzenlosen Talents und zugleich des Bewusstseins der Unschaffbarkeit der selbstgestellten Aufgabe, dem Zauber des Imperfekten. In mulit-hunderttausend-Click-Videos von Songs wie „Overtime“, halsbrecherischen Lady Gaga Medleys und wackeligen Handymitschnitten.

    Anfang August ist nun Coles neues Soloalbum auf dem ex-Kamasi Washington-Label „Brainfeeder“ erschienen. Und es ist die bislang eindrucksvollste Reflektion eines Allround Künstlers im No-Budget und Spotify-Zeitalter. Cole lebt in der ehemaligen Recording-Hauptstadt Los Angeles. Er ist Allem voran ein begnadeter Drummer, in dessen Spiel von Jazz über Black Music bis Elektro die jüngere Musikgeschichte vereint. Und ganz, ganz viel Sound und Attiude, gepaart mit grandioser Spieltechnik und Musikalität. Kurz: Bad-Ass! Lange war das alleine schon eine Basis für eine Karriere. Doch Cole schreibt, produziert, spielt Keyboards und Gitarren, singt, dreht Videos, vermutlich in seiner Garage, konzipiert Streicherarrangements, ist Toningenieur, Texter, Vermarkter, Darsteller in seinen Clips. Und das alles weitestgehend überdurchschnittlich. Das gab es schon zuvor, das bekannteste Beispiel heißt Jacob Collier. Und auch wenn man diesem zweifellos Respekt zollen muss, lebt er doch viel mehr vom Wunderkind-Status, entwickelt, sicher auch aufgrund seines deutlich jüngeren Alters viel weniger Persönlichkeit, während es Cole gelingt, eine wirklich ziemlich einzigartige künstlerische Identität zu verkörpern.

    Es ist anzunehmen, dass es Cole nicht an Selbstbewusstsein mangelt. Jedenfalls scheint das in den meisten Projektionen seiner Person, meist mit Sonnenbrille, freiem Oberkörper und übergroßen Plastik-Goldketten um den Hals. Doch bei näherem Hinsehen, und das ist das wirklich Berührende an „Time“, bricht Cole dieses Image, zweifellos vollkommen bewusst, auf, ohne es zu verleugnen oder aus einer ironischen Distanz vorzuführen. Viele der Songs auf dem Album spiegeln den Existenzkampf von Musikern seiner Generation. Eine frühere Nummer bringt es auf den Punkt: „I am too scared to check my bank account.“ In „Real Life“ macht sich Cole unter anderem Gedanken um sein „future me“. „Trying not to die“ spricht für sich. In „Phone“, einer in ihrer Zerbrechlichkeit wirklich berührenden Smartphone-Ballade formuliert Cole mit brüchiger Stimme eine der wunderbarsten Liebeserklärungen unserer Zeit: „You always pick up your phone. The weirdest times I call you, you’re there, glowing in my dark room.“ Seine can-do-Attitude gibt er dabei in keinem Moment auf. Und dann gibt es auch noch ein paar richtig dicke Dinger, allen voran den Opener „Weird Part Of The Night“ – Killer-Bass, Killer-Hook, Killer-Groove, wieder einmal gepushed durch eines der besten Selfmade-Musikvideos unserer Zeit. Vielleicht die Essenz von Coles Musik und seinem Wirken überhaupt könnte „Things“ sein. Ein nüchterner, aber keineswegs bitterer, sondern, vielmehr scheinbar spielerisch-leichter Blick auf die Unberechenbarkeit unserer Zeit.

    Wenn Daft Punks „Random Access Memories“ das letzte große Werk der großen Recording-Zeit war, ist „Time“ das Manifest des Spotify Zeitalters. Ein Album geworden, dass zeigt, was möglich ist, wenn ein auf unglaublich viele Arten talentierter Künstler über 2 ½ Jahre ohne das Ansehen von irgendwelchen Grenzen alle seine Kräfte mobilisiert. Ein Album, das, so abgelutscht es klingen mag, mit jedem Hören immer noch besser und besser wird. Mit tiefen Wurzeln, viel Mut, Witz, Gefühl, aber auch einer zugleich glücklich machenden, bei allem Talent und Können, fast schon kindlich-naiven Verspieltheit. Aber auch ein Album, das in den Grenzen, an die es trotz des überbordenden Talents praktisch permanent und unüberhörbar stößt, und, noch viel wichtiger, in seiner Art, genau das direkt wie indirekt zu thematisieren, auch nachdenklich, wenn nicht traurig macht. Zumindest von Zeit zu Zeit. Aber ganz sicher ein Album eines (hier kommt die überstrapazierteste Vokabel der jüngeren Musikbeschreibung) Ausnahmetalents, dessen Stimme gegen alle Wiederstände seinen Weg gefunden hat und es bedingungslos verdient hat, gehört zu werden.

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