Der Eindruck täuscht: So hell wie hier ging es bei Lou Reed selten zu  FOTO: Timothy Greenfield Sanders

Mit Lou Reed veränderte sich der Rock’n’Roll grundlegend – und er mit ihm. Ein Nachruf auf einen Künstler, für den es kein Scheitern gab und dessen andere, ebenfalls besondere Seite oft unterschlagen wurde.

Es ist eine Übertreibung zu sagen, dass Rock’n’Roll vor Lou Reed nur Kindergarten war, aber es ist keine besonders große. Natürlich hatte es schon »Like A Rolling Stone«, »Strawberry Fields Forever« oder auch den Proto-Punk der Sonics gegeben, als Reed mit John Cale, Sterling Morrison und Maureen Tucker im März 1967 das unbetitelte erste Album von The Velvet Underground & Nico veröffentlichte. Niemand aber hatte Rock’n’Roll bis hierher so selbstverständlich und radikal als Kunstform begriffen, die über Unterhaltungsmusik hinausgehen konnte, ohne ihren Unterhaltungswert einzubüßen. The Velvet Underground waren unter den ersten, die an die Denkfähigkeit des Genres glaubten, und noch über 40 Jahre später stand Reeds Schaffen im Zeichen dieser Überzeugung.

Ernsthaftigkeit, Verbissenheit und unumstößliches Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ließen ihn zum rock’n’roll lifer werden, für den es niemals ein Scheitern gab. Selbst sein Proto-Loop-Experiment Metal Machine Music verteidigte Reed immer wieder leidenschaftlich. Noch Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung brachte er das Krachalbum auf die Bühne. Als seine letzte Studio-LP, die 2011er Metallica-Kollaboration Lulu, hämisch aufgenommen wurde, soll das Reed tief gekränkt haben. Niederlagen waren inakzeptabel, es stand zu viel auf dem Spiel. Journalisten, die ihn zu kritisch, persönlich, naiv oder dumm interviewten, ließ Reed seinen Zorn spüren wie niemand sonst im Geschäft. Er konnte hässlich sein bis über die Grenze des Erträglichen hinaus, bei ihm tat selbst das Mitlesen manchmal weh.

Weniger gut dokumentiert als Reeds Bereitschaft, sich als Musiker, Texter und Gesprächspartner die Hände schmutzig zu machen, ist die sanfte und hoffnungsvolle Seite seiner Lieder. Schon auf The Velvet Underground & Nico, dem viel zitierten ersten Drogenrausch-Nutten-SM-Album der Rockgeschichte, ist die Hälfte der Songs zunächst mal Steine erweichend schön. Noch im größten Viola-Chaos von »Heroin« schwingt eine Gitarrenmelodie mit, die sich von nichts vertreiben lässt. »Sunday Morning« hat so ein zärtliches Glockenspiel, dass schon mal ein paar Jahrzehnte vergehen können, bis einem die paranoiden Untertöne des Textes auffallen.

Nach seinem Ausstieg bei The Velvet Underground im August 1970 begann Reed eine Solokarriere, die sich zwischen den gleichen Parametern abspielte. Dem kommerziellen Durchbruchs-Album Transformer folgte das Konzeptalbum Berlin, dem erfolgreichen Livealbum Rock N Roll Animal das bereits erwähnte Metal Machine Music. Später kamen Edgar Allan Poe, Robert Wilson und Meditationsmusik dazu, Frank Wedekind und Metallica außerdem im selben Projekt. Reed spielte Gitarre mit Free-Jazz-Mindset, stimmte sich alle Saiten auf »D« und schrieb immer dann, wenn er schon abgeschrieben war, wieder einen unverwüstlichen Rocksong.

Die Rock’n’Roll-Treue kennzeichnet Reed letztlich ebenso vielsagend wie seine Experimentierfreude und Hochkultur-Ausflüge. Als einer der ersten Rock’n’Roller wurde er mit und in dem Genre alt. Statt irgendwann aus der Sache herauszuwachsen, ging es Reed immer darum, die Rockmusik an seiner eigenen Entwicklung mitwachsen zu lassen, gemeinsam klüger, reifer und älter zu werden. Er war, sagt man, manchmal ein ziemlicher Mistsack, aber er war auch, und das weiß man sicher, ein ganz schöner Romantiker.