Lou Barlow

Als Gründungsmitglied von Sebdaoh und Dinosaur Jr. wurde Lou Barlow zur Ikone des amerikanischen Indie-Rock und Lo-Fi Folk, ein alter Held der frühen Neunziger, der musikalische Gegenpol zu Richard Linklater und Douglas Coupland. Der Typ, der einem mit seinen immer auch leidenden Songs doch viel näher war als es Stephen Malkmus, Thurston Moore oder J Mascis je hätten sein können. Er hat etwas zugelegt im Vergleich zu früher, die welligen braunen Haare hängen ihm ins Gesicht, dort befindet sich immer noch ein unauffälliges Kassenmodell auf seinen Augen. Lou Barlow trinkt Wasser, er ist gehalten, sich kurz zu fassen: wenig später sollten Sebadoh im Berliner Festsaal Kreuzberg ein sehr gutes, fast nostalgiefreies und äußerst punkrockorientiertes Set spielen, eine kaputte Version von Tom Pettys »Free Fallin’« als Zugabe inklusive. Vorneweg sprach Barlow mit René Hamann über Reunions, das Altern und Vergebung.

Sebadoh

JASON LOEWENSTEIN, ERIC GAFFNEY & LOU BARLOW (v.l.n.r.): Mit dem Bruch zwischen Lou Barlow und J Mascis (1989) wurde aus dem Dinosaur Jr.-Nebenprojekt Sebadoh schnell Barlows Hauptbeschäftigung. Pausen gab immer wieder, 1993 verließ Eric Gaffney die Band. Im Frühjahr 2007 spielten Sebadoh erstmals wieder Konzerte in Originalbesetzung.

(Foto: © Domino Record Co)

Im März 2007 haben Eric Gaffney, Jason Loewenstein und du nach längerer Zeit wieder zueinander gefunden: ihr gebt seitdem immer wieder Konzerte. Wie kam es zu dieser Reunion?
    Im Grunde geht es darum, die Wiederauflage unserer Alben bei Domino zu unterstützen. Wir dachten, es wäre eine gute Idee, dazu wieder in der alten Formation aufzutauchen. Darum gab es einen langen, großen Email-Kampf, der endlich gut ausgegangen ist, Eric und Jason ließen sich überzeugen. Und hier sind wir.

Was ist anders im Vergleich zur Reunion von Dinosaur Jr.?
    Das sind ganz andere Voraussetzungen, jeweils drei andere Leute, und drei andere Wege, miteinander klarzukommen. Der größte Unterschied ist: bei Sebadoh muss ich die Amps selbst durch die Gegend schleppen (lacht).

Im Gegensatz zu Dinosaur Jr. schienen Sebadoh immer die demokratische Variante einer Band zu sein. Positionen, Instrumente, Songwriting, das wurde und wird immer alles fleißig gewechselt.

    Bei Dinosaur habe ich schon auch Sachen geschrieben. Und es ist nicht so, dass J alles total kontrollieren muss. Aber stimmt schon, Demokratie, demo-crazy ist ein hehres Ziel.

Warum sind Sebadoh damals auseinander gegangen?

    Eric hat die Band verlassen. Eigentlich hat er die Band für immer verlassen. Er war wohl recht unglücklich mit Sebadoh. Bis heute!

Fehlt ja eigentlich nur noch eine Band, was die Reunion angeht.
    Du meinst The Folk Implosion. Aber ich glaube, daraus wird nichts. Ich würde es – wenn überhaupt – mit John Davis machen, die Band habe ich ja noch mit anderem Lineup weitergeführt, aber das war nicht das Wahre. John hat sich aber völlig aus dem Musikgeschäft zurückgezogen und ich glaube auch nicht, dass sich daran etwas ändert. Wenn er aber anrufen sollte, bin ich dabei.

Besonders nachtragend scheinst du ja nicht zu sein.

    Ich setze den Aspekt des Musikmachens an die erste Stelle. Es gibt Leute, mit denen ich gute Musik gemacht habe, und wenn sie das wieder wollen, bin ich dabei. Ich nehme mich persönlich da zurück. Ich bin natürlich durch eine Menge schlechter Zeiten gegangen, durch eine Menge Schmerz. Und das mit diesen, oder wegen diesen Leuten. Ich habe das aber eigentlich nie so ausgestellt, ich fand mich persönlich immer am Unwichtigsten in dem ganzen Prozess. Es ging schließlich ums Musikmachen. Und hey, vergeben ist einfach! It’s easy as that … (schnippt mit den Fingern)

Das sehen eine Menge Leute ganz anders.

    Ja, mag sein. Aber warum soll man ewig sauer sein? Man kann schließlich reinen Tisch machen. Vielleicht bin ich da ganz pragmatisch. Ich bin halt einfach nicht der Typ, der den Dingen aus dem Weg geht. Der sagen kann: »Das war’s, auf Nimmerwiedersehen, fuck you forever.« Ich kann nicht loslassen.


Als die Single »Skull« 1994 auf Sub Pop Records erschien, war Eric Gaffney bereits bei Sebadoh ausgestiegen: Seine vorerst letzte Platte war »Bubble And Scrape«, die am 26. April 1993 in den Handel kam und noch in der ersten Verkaufswoche über 10.000 Exemplare verkaufte. Das ein Jahr später ohne Gaffney erschienene Album »Bakesale« war allerdings nochmals erfolgreicher als »Bubble And Scrape«.

VIDEO: Sebadoh – Skull

Folgst du in deinem Privatleben, in der Liebe, auch diesem Prinzip?
    Ja. Ich hatte nur die eine Liebe in meinem Leben. Wir sind immer noch verheiratet und haben Kinder. Und natürlich sind wir auch durch schlechte Phasen gegangen, haben uns getrennt und wieder zusammen gefunden.

Was hat sich denn im Vergleich zu den frühen Tagen von Dinosaur Jr. oder Sebadoh geändert?
    In der Musikszene? Es sind inzwischen viel mehr Bands auf Tour. Es ist auch viel einfacher geworden, an Underground-Musik zu kommen, auch weil die Vertriebswege sich geändert haben. Damals gab es nicht viel: Sonic Youth, die Pixies, Dinosaur Jr. und noch ein paar andere.

Das, was du Underground-Musik nennst, ist mittlerweile auch sehr populär geworden.

    Ja, das ist doch gut! Ich meine, Merge Records, ein kleines Label aus Chapel Hill, hat Platten in den Top Ten! Außerordentlich!

Hörst du denn noch dieselbe Musik wie damals, hörst du viel von den neuen Indierock-Bands?

    Schon. Was ich aber immer höre, was tatsächlich immer bei mir läuft, ist Garage Rock aus den Sechzigern. Und New Wave, natürlich, das höre ich rauf und runter. Was ich neuerdings höre und vor fünfzehn Jahren absolut nicht gehört habe, ist Ska. Ska finde ich mitterweile gut.

Was hat sich sonst geändert, für dich persönlich, sagen wir im Vergleich zu 1993, als »Bubble & Scrape« das erste Mal herauskam?
    Oh, generell bin ich entspannter geworden. Ich laufe nicht mehr so verloren, so nervös, unsicher und aufgedreht herum und muss deswegen auch weniger Alkohol trinken oder sonstwie Drogen nehmen als damals. Man könnte fast sagen, ich lebe gesund. (lacht) Nunja, zumindest gesünder als früher.

Das 1993 erstveröffentlichte Sebdaoh-Album »Bubble & Scrape« ist soeben als Re-Release bei Domino Records (Indigo) erschienen, die Neuauflage von »The Freed Man« brachte das Label bereits im letzten Jahr heraus. Vom 20. bis 23. Mai kann man Lou Barlow live sehen: mit Dinosaur Jr. spielt er vier Deutschland-Shows.

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