Lost Girls „Feeling“ / Review

Neuauflage ihrer Kollaboration mit Håvard Volden, aber auch Fortführung ihres Soloschaffens. Jenny Hval formuliert auf Feeling, der ersten EP ihres neuen Projekts Lost Girls, eine klare Handlungsanweisung: „Accept the risk!“

Sie schreit und flüstert. Stöhnt und schluchzt. Dazwischen: Keuchen. Die Stimme wird zum absoluten Instrument, das sich im Spektrum aller Emotionen bewegt. Dabei: niemals exaltiert, immer sinnlich. Das flexible Organ gehört zur Avant-Pop-Künstlerin Jenny Hval, die zuletzt mit Blood Bitch eines der interessantesten Konzeptalben des Jahres 2016 über Vampirinnen, Lust und den weiblichen Zyklus veröffentlichte. Unter dem Projektnamen Lost Girls tut sich Hval nun mit dem Multiinstrumentalisten und norwegischen Landsmann Håvard Volden zusammen ­–­ allerdings nicht zum ersten Mal.

Alice im Wunderland, Dorothy Gale und Wendy Darling offenbaren einander ihre erotischen Fantasien.

Seit Jahren schon ist Volden Teil von Hvals Liveband. Als Nude On Sand brachten die beiden zudem bereits einige gemeinsame Stücke heraus. Lost Girls markiert einen Neuanfang ihrer Kollaboration, ist aber auch eine Fortführung von Hvals Soloschaffen. Die namensgebende Inspiration für das neue Projekt holten sich Hval und Volden bei einem Kultwerk der Popkultur: Lost Girls lautet der Titel einer 1991 erschienen Graphic Novel von Alan Moore und Melinda Gebbie. Detailfreudig beschreibt das Buch die sexuellen Abenteuer dreier bekannter Fiction-Figuren des 20. Jahrhunderts: Alice aus Alice im Wunderland, Dorothy Gale aus Der Zauberer von Oz und Wendy Darling aus Peter Pan treffen sich als erwachsene Frauen im Jahr 1913 in einem österreichischen Hotel und offenbaren einander ihre erotischen Fantasien.

Die weibliche Lust und die Lust am Weiblichen sind Themen, die bei Hval stets im Mittelpunkt stehen und auch auf der Zwei-Track-EP Feeling den konzeptuellen Rahmen für sonische Meditationen bieten. „Drive“ wächst in 13 Minuten aus Handtrommeln und schimmernden Synthie-Akkorden zum sorgsam inszenierten Art-Pop-Konstrukt heran. Die B-Seite „Accept“ scheppert zunächst minutenlang im leeren Raum und schwingt sich dann zu einem psychedelischen Wirbel von haarsträubender Intensität auf. Zwischen diese Schichten bohrt sich Hvals Gesang wie ein Widerhaken. Ein schrilles Mantra, eine Handlungsanweisung: „Accept the risk!“

Diese Rezension erschien in unserer aktuellen Printausgabe SPEX No. 379, die weiterhin am Kiosk oder versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.