Lonelady Hinterland

Mit Hinterland stellt sich auch für Lonelady die Frage nach dem Wohin – ein typisches zweites Album?

Neulich online einen Artikel gelesen, in dem die Autorin meinte, die Kritik, dass sich die britische Musikszene nicht mit der Wirtschaftskrise und den riots vor einigen Jahren auseinandersetzen würde, gehe fehl. Schließlich würden Künstler wie Dean Blunt und Actress sich zwar nicht lyrisch, sehr wohl aber musikalisch intensiv damit beschäftigen. Nerve Up, das Debütalbum von Julie Ann Campbell alias Lonelady aus Manchester, erschien 2010 und konnte als energischer Kommentar zur Zeit gehört werden. Da waren dieses federnde Stöhnen des Genervtseins, der fordernde Bass, der sich im pointierten Widerstreit mit der Gitarre befand, die Kargheit der Arrangements. Dass sich Campbell mit den gleichen Mitteln an Tristesse, Brutalismus und Zerfall abarbeitete wie vor ihr schon Joy Division, Gang Of Four, Wire und einige andere mehr, lediglich um das Wissen von Techno ergänzt: geschenkt. Die postindustrielle Formel ging bei ihr nochmals knackfrisch auf, allerdings ohne größere Beachtung zu finden, was angesichts ihrer Labelheimat Warp doch etwas verwunderlich war.

Fünf Jahre später erscheint Loneladys zweites Album, Hinterland. Der stadtmusikalische Rückzug ins Ländliche, bereits vor zwei Jahren sehr en vogue, bezieht sich hier auf das Keyclub Recording Studio in Benton Harbor, Michigan, anderthalb Autostunden entfernt von Chicago, wo Campbell ihr neues Werk finalisierte. Zuvor hatte sie je ein Album mit Ex-PiL-Bassist Jah Wobble und ihrer Stammband Stranger Son aufgenommen, mit Malka Spigel gearbeitet und monatelang eremitinnenhaft in ihrer Hochhauswohnung an neuen Songs gesessen.

Titel wie »Bunkerpop«, »Flee!«, und »Mortar Remembers You« verraten, dass sich inhaltlich seit dem Debüt nicht viel verändert hat. Angesichts von neun Titeln mit durchschnittlich fünf Minuten Spiellänge beschleicht einen schon auf den ersten Blick das Gefühl, es mit einem typischen zweiten Album zu tun zu haben: nicht ganz so viele neue Ideen, dafür maximal gedehnt. Tatsächlich gewinnen diesmal die schiefen Gitarren und Campbells Cello die Oberhand über Schlagzeug, Bass und Keyboard. Die Single »Groove It Out« ist zwar etwas zu lang geraten, taugt aber dennoch zur hüftschwingenden Detox-Kur – wie so manch anderes Stück auf Hinterland. Ausgerechnet das ruhige »Flee!« ist allerdings der einzige Song, der seine fünfeinhalb Minuten komplett reizintensiv ausfüllen kann: Campbell irrt über eine Eiswüste aus kratzenden Streichern und krissliger Electronica, letztendlich ohne Ergebnis: »Where to go?, I asked / Neither man nor beast could answer me.« Die Frage nach dem Wohin stellt sich auch für Lonelady. Hinterland wird ihr wieder nicht den großen Popularitätsschub bescheren. Dafür ist es zu nah dran am Vorgängeralbum, und dafür trägt Campbell repetitive Songs wie »(I Can See) Landscapes« mit zu wenig Verve vor. Und ein politischer Anstoß fällt damit ebenfalls flach.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here