Lone Reality Testing

Matt Cutler hat die halbe Musikwelt durchgestet, jetzt widmete er sich größeren Ding: Lone Reality Testing ist eine Fantasie von Wärme, Licht und Lebendigkeit geworden.

Elektronische Musik existiert als Popmusik, als Tanzmusik und als Avantgarde, Experiment, Nerdism. In Großbritannien findet elektronische Musik aber auch jenseits dieser Formate statt. Acts wie Aphex Twin, Boards Of Canada, Four Tet, Mount Kimbie oder Lone benutzen keine Vocals und Songstrukturen, man kann zu ihrer Musik nur bedingt tanzen, trotzdem sind sie zentrale Figuren des Popgeschehens. Lone heißt bürgerlich Matt Cutler und stammt aus dem nordenglischen Nottingham. Er dekonstruiert Happy Hardcore, House und HipHop und lässt aus den Bruchstücken sonnendurchflutete, paradiesisch glitzernde Klangoasen entstehen. So verwandelt er Tanzmusik zu einer nach innen gerichteten, privaten Fantasie.

Cutlers erster entscheidender Einfluss waren die großen Raves der frühen Neunziger, damals war er etwa zehn Jahre alt. Als er die Jungle- Tapes seiner Schwester hörte, die Label-Logos, Plattentaschen und Bomberjacken in der Schule sah, konnte er sich die Partys nur vorstellen. Er wollte aber nicht warten, bis er 18 war, sondern begann sofort, selbst Musik zu machen, indem er zur Prodigy-Kassette auf seinem Casio-Keyboard herumklimperte. Noch heute arbeitet er mit der Software, die er als 15-Jähriger benutzte. Seine Musik entsteht in Tagebuchform, er hat mehr als 20 Alben aufgenommen, von denen bisher fünf erschienen sind: Auf Everything Is Changing Co­ lour (2007) finden sich an Boards Of Canada erinnernde, zerfließende Orgeltöne, auf Lemurian (2008) an J Dilla geschulte, ruhige, nach innen gespiegelte HipHop-Beats. Happy Hardcore, der durchgeknallte Rave-Sound der frühen Neunziger, klingt auf Ecstasy & Friends (2009) nicht manisch und überdreht, sondern anmutig und sweet. Emerald Fantasy Tracks kreist 2010 um den frühen britischen Techno von LFO und Forgemasters. Dann kommt ein Bruch: Cutler zieht nach Manchester, kündigt seinen Brotjob, die Musik wird vom Hobby zum Beruf – und er gibt seinen referenziellen Stil auf. Bei Lones neuem Album ist die Hörerfahrung keine Begegnung zweier Fans mehr, die etwas Drittes, J Dilla etwa, abfeiern. Aber das Thema bleibt: Reality Testing ist eine durch eine matt geschliffene Linse betrachtete, nordenglische Fantasie von Wärme, Licht und Lebendigkeit.

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