London Grammar: Ist der Ärger bereits verdaut?

London Grammar

London Grammar verhandeln in ihren intimen Songs vorsichtig die Verschwendung einer perspektivarmen Jugend – mit großem Erfolg. Aus Anlass ihres neuen Videos »Hey Now« veröffentlichen wir nun das SPEX-N°350-Porträt online.

Wenn man auf 500 Metern fünf Mal nach Tickets für ein Konzert gefragt wird und 30 Minuten vor Einlass bereits eine stattliche Schlange die Straße vor der Halle verstopft, hat London wohl mal wieder ein next big thing gefunden. London-Grammar-Gitarrist Dan Rothman antwortet auf die Frage, wie sich der enorme Hype anfühle, allerdings mit einem entschiedenen »Ähm«.

Seine Band lernt sich 2009 an der Nottingham University kennen. Im Dezember 2012 veröffentlicht sie den Song »Hey Now« halb anonym im Internet. Die darauffolgende EP Metal & Dust kurbelt den Hype weiter an, die erste Single »Wasting My Young Years« wird zum kleinen Radiohit. Mit dem heiß erwarteten Album If You Wait platzt die Bombe dann endgültig: Platz zwei der britischen Charts. Gerade sind London Grammar von einer ausverkauften US-Tour zurückgekehrt.

Sitzt man Rothman und Dot Major (Keyboarder & Schlagzeuger) in einem kleinen, mit Sperrholz vertäfelten Zimmer gegenüber, merkt man kaum etwas davon. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass sie in ein paar Stunden vor 2.000 Leuten spielen werden. Ein wenig verloren wirken sie schon zwischen den obligatorischen Obstschalen und Wasserflaschen. Sängerin Hannah Reid fehlt ohnehin noch, sie verspätet sich, der Londoner Verkehr. »Für uns fühlt sich der Aufstieg gar nicht so schnell an, wie es für Außenstehende wirken mag«, hilft Major aus. »Schließlich haben wir 18 Monate an dem Album gearbeitet. So lange, bis wir uns bereit fühlten.«

Tatsächlich wirkt London Grammars Sound ausgefeilt. Zurückgenommen bis an die Grenze zum Ambient, schaffen Rothman an der Gitarre und Major an Synthesizern und Drums einen Klangteppich, auf dem sich Reids Stimme entfalten kann. Diese Stimme erinnert an eine ruhigere Florence Welch oder die junge Stevie Nicks und steht auf If You Wait so sehr im Vordergrund, dass eine breitere Instrumentierung ohnehin nicht gegen sie ankäme.

Ob croonend, hauchend oder im Sopran: Reid kennt keine Zwischentöne, sie treibt ihre Stimme immer an den Rand der Belastbarkeit. Das ist beeindruckend, lässt aber kaum Platz für Subtiles. Ecken und Kanten sucht man vergebens, der Guardian bezeichnete London Grammar als »überwältigend nett«. Darauf angesprochen steht Rothman kurz auf. Das habe ihn fucking angepisst. »Du kannst dir nicht ernsthaft Hannahs Texte anhören und sie einfach als nett abtun.«

Hört man »Wasting My Young Years« genauer, muss man Rothman rechtgeben. Hinter der Fassade eines Trennungslieds verhandelt der Song die Erfahrung vieler junger Briten, am Ende einer langen, teuren Ausbildung mit großen Schulden und kleiner Perspektive dazustehen. »Als ich den Song schrieb, waren fast alle meine Freunde in einer solchen Situation«, sagt die inzwischen eingetroffene Reid. »Außerdem trennte ich mich gerade von meinem Ex, also versuchte ich, dem Text einen doppelten Boden zu geben.«

Bleibt nur die Frage, warum London Grammar solche Themen nicht offener kommunizieren. Im Gespräch scheint es, als sprächen sie über bereits verdauten Ärger. »So etwas wie echte, offene Wut gibt es gar nicht mehr«, glaubt Major. »Heute fluchst du einmal im TV, und deine Karriere könnte vorbei sein. Man stelle sich dagegen nur mal vor, die Sex Pistols hätten seinerzeit Instagram gehabt. Man muss heute andere Wege finden.«

LONDON GRAMMAR
IF YOU WAIT
ISLAND / UNIVERSAL
ALBUM – 15.11.2013

1 KOMMENTAR

  1. […] London Grammar, Arthur & Beatrice, Wolf Alice … Der große Einfluss des intimen, Duett-fokussierten The-xx-Sounds auf eine ganze britische Musikergeneration zeigt sich derzeit mehr als deutlich. Während Jugendliche und Studenten wahlweise revoltieren oder protestieren, wird musikalisch eher gekuschelt, nicht unbedingt aber gekuscht. Denn zwischen all den Beziehungsmotiven ist auch die grassierende Perspektivlosigkeit zumindest ein Thema. […]

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