Lohnenswerter Headfuck – Film Polska im Rückblick

Filmstill aus United States Of Love von Tomasz Wasilewski

Während in Polen die größten politischen Umwälzungen seit 1989 stattfinden, feierte das Film-Polska-Festival in Berlin das aktuelle polnische Filmschaffen. Ein Rückblick.

Im bis auf den letzten Platz gefüllten Kino Babylon steht bei der Eröffnungsfeier des elften Film-Polska-Festivals Moderator und Filmkritiker Knut Elstermann auf der Bühne und ruft feierlich das »Kinowunderland« Polen aus: noch mehr Filme als im Vorjahr, noch höhere Besucherzahlen, überschäumende Kreativität, immense Festivalerfolge! Alte Meister wie den diesjährigen Ehrengast Jerzy Skolimowski, der 1970 der kommunistischen Zensurzange entflohen ist, verschlägt es auf die alten Lenze gar in die Heimat zurück, um neue Filme zu drehen.

Doch unbeschwert ist die Feierlaune dieser Tage nicht. Während die seit November im Sejm, dem polnischen Parlament, herrschende PiS-Regierung ein Grundgesetz nach dem anderen über Bord wirft, immer mehr Medienhäuser unter staatliche Kontrolle geraten und Polit-Pitbulls nationalistische Parolen kläffen, ziehen mit bis zu 240.000 Beteiligten die größten Demonstrationen seit 1989 durch die Straßen Warschaus.

Die (Film-)Kultur bleibt dabei von den Umwürfen nicht verschont: 2014 noch lief das Aufbegehren von nationalkonservativen, PiS-nahen Verbänden gegen den Film Ida von Paweł Pawlikowski, den sie aufgrund seines vermeintlich antipolitischen Inhalts auf dem Index sehen wollten, ins Leere. Die aktuelle Ministerpräsidentin Beata Szydło, die sich »bestürzt« gab über die Auszeichnung von Ida mit dem Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film 2015, verkündete kurz nach ihrem Amtsantritt, dass öffentliche Gelder vor allem in Projekte fließen sollen, die Polen und der Welt »von unseren Helden erzählen«.

Bei Film Polska wird von der propagandistischen Instrumentalisierung des Kinos hoffentlich nie etwas zu spüren sein. Der bei der Berlinale 2016 mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch prämierte Film United States Of Love von Tomasz Wasilewski zeichnet vielmehr den Gegenentwurf zur polnischen Heldengeschichte. Und legt dabei das Brachland frei, das die Jahrzehnte währende ideologische und ökonomische Erosion hinterlassen hat.

United States Of Love spielt im Jahr 1990 – historisches Transitstadium, vier Frauen, vier Nachbarinnen. Alle wohnen sie in einer typischen post-sozialistischen Platte, jede in ihrem eigenen emotionalen fish tank. Mutter Agata (Julia Kijowska), gefangen in einer ausgelaugten Ehe, flüchtet sich in die unerwiderte Liebe zu einem Priester. Schuldirektorin Iza (Magdalena Cielecka) will ihre frisch verwitwete Affäre bis zur eigenen Selbstentgrenzung für sich beanspruchen, während Rentnerin Renata (Dorothea Kolak) sich von der gutherzigen und naiven Provinz-Schönheitskönigin Marzena (Marta Nieradkiewicz) angezogen fühlt.

Vor einem Whitney-Houston-Poster träumt Marzena von der großen Karriere als Fotomodell, dort draußen, in der so fern wirkenden Glitzerwarenwelt. Doch je mehr sie versucht auszubrechen, desto brutaler wird sie zurückgeschleudert. Es scheint, als gäbe es kein Entkommen aus der Tristesse der klaustrophobischen Räume in United States Of Love, die der rumänische Kameramann Oleg Mutu (4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage) in aschfahlem Violett-Grau einfängt. Vereint sind sie nur in ihren Stadien der Entbehrung und Sehnsucht. Wasilewski zeigt alles andere als einen strahlenden Neubeginn.

Fast nuklear hingegen strahlt das Regiedebüt des 31-jährigen Jakub Czekaj, Baby Bump. In einer bonbonbunten und grell überzeichneten Real-Cartoon-Welt folgen wir dem elfjährigen Mickey House beim Überschreiten der Schwelle zur Adoleszenz. Für die Mutter noch das unschuldige »Zuckerstückchen«, für die Mitschüler der Sonderling mit den abstehenden Ohren, beobachtet Mickey entsetzt die Transformation seines Körpers, der sich in eine unkontrollierbare Monstrosität verwandelt.

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Still aus Baby Bump von Jakub Czekaj

»Filme über das Heranwachsen kommen meist so verdammt romantisch daher«, erklärte Jakub Czekaj, »ich wollte eine Coming-of-Age-Geschichte schreiben, die sich mehr mit dem Fleischlichen befasst.« Und da das Fleischliche, vor allem das Halbwüchsige, verflucht ekelhaft ist, zieht Czekaj das komplette Register der Animations- und Trickfilmkunst, um erste Erektionen wie in einem Slapstick-Porno explodieren oder Ohren in B-Movie-Manier zerfetzen zu lassen. Eine Handvoll Zartbesaiteter verlässt bei der Vorführung in Berlin kopfschüttelnd den Kinosaal. Mit Baby Bump verhält es sich wie mit der Pubertät: Man ist froh, wenn es vorbei ist. Aber es war wichtig, die Erfahrung durchgemacht zu haben. Ein lohnenswerter headfuck.

Film Polska präsentierte 2016 einmal mehr eine neue Generation polnischer Filmemacher, die sich von den Minderwertigkeitskomplexen der Vergangenheit emanzipiert hat. Sie müssen niemandem, und bestimmt keinem »Westen« mehr nacheifern, sondern haben binnen weniger Jahre starke, eigene Identitäten etabliert, die sich hoffentlich nicht so schnell vom Rechtsruck einschüchtern lässt. Die Kunde vom aufstrebenden polnischen Kino hat sich hierzulande aber immer noch nicht herumgesprochen. Das Desinteresse deutscher Filmverleihe ist erschreckend. Die Missionarsarbeit des Film-Polska-Festivals ist somit noch lange nicht beendet.

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