Es mag helfen am richtigen Ort zur rechten Zeit zu sein, selbst für eine Reisende. Lizzy Mercier Descloux hielt es selten lange irgendwo, die Welt und die Elemente waren zu faszinierend, zu bunt und aufregend als daß sie unentdeckt bleiben konnten. Dennoch hatte sie ein einzigartiges Gespür für die richtigen Orte. Von Pariser Hallenviertel zieht es Mitte der 70er auch sie  nach New York. Sie freundet sich mit Patti Smith an, photographiert deren »Radio Ethopia« Cover und trifft Michel Esteban, der bald sein Label ZE gründet. Er erkennt Lizzys Talent. Ein Talent was alle anderen aus der No New York Szene überragen sollte.

    Als Rosa Yemen spielt sie eine minimale Avant-Punk EP ein. Zwei Gitarren plus ihre Stimme modellieren ein hektisch zerrendes, radikales Meisterwerk an dem sich Generationen von Noise Gitarristen abarbeiten konnten, jedenfalls jene, die es bemerkt hatten. Denn Dinge doppelt zu tun war nicht ihre Art. In einer kreativ explodierenden Post-Punk Welt vollzieht sie die Wendungen, entwickelt sich blitzschnell, interessiert sich für dies und das und landet so mit ihrem ersten Album »Press Color« Anfang 1979 auf der Tanzfläche. Funkige, teilweise improvisierte Songs, Lalo Schifrin und Arthur Brown Coverversionen verbinden Lärm und Disco elegant und gefährlich. Doch als diese Fusion zum großen Ding wird, sitzt Lizzy auf den Bahamas und produziert 1981 mit »Mambo Nassau« eine der ungewöhnlichsten und tollsten Platten aller Zeiten. Afrikanische Rhythmen, Funk und überraschende Melodienlinien, so frisch und so anders daß sie nie überkommen klingen können, begründen ihre Leidenschaft für afrikanische Musik. Diese Spur führt sie 1984 quer durch Afrika nach Johannesburg wo eine nun deutlich vom Soweto-Sound geprägte LP entsteht. In Frankreich wird die Single »Mais où sont passées les gazelles« zum großen Hit und das Album hoch dekoriert. Zwei Jahre später taucht sie in Rio auf. Das dort eingespielte »One for the Soul« flirtet mit den Westcoast-Jazz Pop Melangen seiner Zeit, ist aber wieder mal viel besser als der Rest. Das Cover zitiert die Cahiers du Cinema und Chet Baker spielt Trompete. Die Platte sorgt sowohl in Sammlungen karger WG-Zimmer wie auch in schicken Lofts für anerkennendes Kopfnicken. Zwei Jahre später veröffentlicht sie »Suspense«, ohne ihren ZE Mentor Michel Esteban, dafür mit Ex-Mars Trompeter Mark Cunningham an ihrer Seite gelingt ein lebendiges Popalbum das mit formvollendetem Gestus die Post-Punk Zeit beendet.
    Sie zieht weiter durch die Welt, beginnt expressiv und farbenfroh zu malen, nimmt 1995 noch ein Album in New York auf, welches nie erscheint und verliebt sich in die See um Korsika. Die Insel wird zum Ruhepol der an Krebs erkrankten, am 20. April stirbt sie in Saint Florent. Ihre stilprägenden, zugleich unbeschreiblich schönen Statements der Weltsicht eines wachen Individuums verblassten, völlig pop-unüblich, nie, wurden aber auch kein Gegenstand großer Hypes. Doch welche Freude kürzlich die Wiederveröffentlichung von »Press color« und »Mambo Nassau« auslösten, erlebte sie noch. Lizzy zeigte, daß in jener Naivität, die nach Wissen strebt, Dinge aufnimmt und sie zu eigener Produktion verarbeitet, nicht nur große Schönheit, sondern Weisheit liegt. So waren die Welt und die Elemente auf ihrer Seite – selbst im Tot. Als ihre Asche auf dem Meer verstreut wird tanzen zwei Delphine um das Boot. Reise in Frieden, Lizzy.