Heimeligkeitsfaktor im Futurismusgeklingel: Live-Review Kraftwerk in der Neuen Nationalgalerie

Fotos: Peter Böttcher / Kraftwerk / Sprüth Magers

Können AC/DC jetzt wieder einpacken? Kraftwerk spielen live in Berlin. Acht Abende hintereinander. In der Neuen Nationalgalerie. In 3D. Seit Wochen restlos ausverkauft. Wir waren dabei.

Die Luft ist schlecht. Die Stirnglatzendichte hoch. Erste gute Nachricht: Es gibt sie noch, die Fans im roten Oberhemd und mit schwarzer Krawatte. Sie tragen heute dazu bei, den Altersschnitt stabil bei 49 plus zu halten. Für die Ausreißer nach unten sind die internationalen Partypärchen zuständig, die in der Neuen Nationalgalerie in Berlin erwartungsvoll neben Kunstfreunden und Pophistorikern stehen, schon mal ihre 3D-Pappbrillen anprobieren und sich vor der Pixelgrafik auf einem Riesenbildschirmschoner abselfen: Kraftwerk »Der Katalog – 1 2 3 4 5 6 7 8«.

Die Gretchenfrage stellt keiner: Gehört das ins Museum? Dass Kraftwerk zum Ausstellungsstück taugen, wird niemand bezweifeln, dass sie zwischen anderen Exponaten hinter Glas versauern, niemand ernsthaft verlangen wollen. Was an jedem einzelnen Austragungsort immer noch wie ein epochales Großereignis begangen wird, hat schließlich längst Tradition: 3D-Shows spielen Kraftwerk seit Ende 2011, die erste »Katalog«-Live-Serie fand 2012 im MoMA in New York statt.

Seither wurde das Konzept – acht Konzerte in Folge, jeden Abend ein anderes Album plus alle Klassiker – an zahlreichen Spielstätten umgesetzt, darunter die Tate Modern in London und die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf. Man muss im Gesamtzusammenhang also nicht über die Musealisierung von Pop nachdenken, sondern darf umgekehrt feststellen, dass Kraftwerk die weltweit führenden Häuser im Bereich der bildenden Kunst zunehmend ins Bierverkaufsbusiness drängen. Dazu fehlt nur noch der passende Kraftwerk-Song: »Ägypter, Römer, Kelten / Wasser, Malz, Hopfen.«

»Der Katalog« folgt der 2009 erschienenen gleichnamigen Zusammenstellung von acht Studioalben ohne das Frühwerk: von Autobahn (1974) bis Tour De France Soundtracks (2003). Am 7. Januar steht Radio-Aktivität in voller Länge auf dem Programm, gefolgt von einer fast eineinhalbstündigen Best-of-Playlist. Punkt 20:00 ertönt die Vocoder-Begrüßung. Bildschirmschoner aus, Vorhang auf, Geigerzähler an!

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Pech für die Rothemden im Publikum: Ralf Hütter, Henning Schmitz, Fritz Hilpert und Falk Grieffenhagen stecken hinter ihren Schaltpulten in Matrix-Taucheranzügen. Sie spiegeln damit, leicht wohlstandsbauchverzerrt, das quadratische Raster an der Decke der Neuen Nationalgalerie. Die Architektur Mies van der Rohes harmoniert wunderbar mit Kraftwerks ästhetischem Programm: extreme Bescheidenheit der Form (Grundriss, Proportion, Melodie, Rhythmus, Text) und großer technologischer Aufwand bei der Umsetzung. Schlichtheit als Imposanz. Die großen Glasfronten bleiben zu beiden Seiten hin offen, eventuelle Zaungäste werden freilich durch Absperrgitter auf Distanz gehalten.

Es geht los mit – Fukushima. Das Titelstück »Radioaktivität«, ursprünglich aus dem Jahr 1975, und dessen neutral formulierte Naturphänomenpoesie hatten Kraftwerk schon vor Jahren abgewandelt. »Stoppt Radioaktivität!«, heißt es im Refrain nach diversen Nuklearunfällen, der Vocoder zählt die Orte der Katastrophen auf: »Tschernobyl, Harrisburg, Sellafied« und seit 2011 eben auch Fukushima. Die Chance, den Song in seiner Urfassung im heutigen Kontext einfach wirken zu lassen, ihm später im Zugabenblock vielleicht die upgedatete Version gegenüberzustellen, bleibt ungenutzt.

Es wirkt vor allem pflichtbewusst, wie die Gruppe um Ralf Hütter das Album abspielt. Das letzte Stück, »Ohm Sweet Ohm«, eines der treudoof-schlicht-schönsten von Kraftwerk überhaupt – der 3D-Sternenhimmel hängt voller Geigen respektive Celli, kitschiger werden die Projektionen an diesem Abend nicht mehr – wird in einer Kurzversion ohne Accelerando vorgetragen und damit arg verstümmelt. Aber es gibt ja Nachschlag: Hits! Hits! Hits!

Wie effektiv Kraftwerk »Musik als Träger von Ideen« (so singen sie in »Techno Pop«) zu nutzen wissen, wird in der Neuen Nationalgalerie oft genug deutlich. »Computerwelt«, ein seit 34 Jahren konstant gegenwartshaltiges Lied über das omnipräsente Zirkulieren von Daten, wird eben nicht durch Einschübe wie »Google« oder »NSA« aufgehübscht, hat es auch gar nicht nötig. Bedauern kann man an einem Abend wie diesem höchstens, dass Kraftwerk bisher nicht auf die Idee kamen, einen Hit über einen Fernsprechapparat zu schreiben, mit dem man auch fotografieren und filmen kann. Er wäre der Abräumer des Abends geworden.

Wenn Ralf Hütter, die Bühne ist in sattes Telekom-Magenta getaucht, über Tinder-Sex singt (»Computerliebe«), benutzt er das Wort Rendezvous. Sofort stellt sich dieser Heimeligkeitsfaktor ein, der im Kraftwerk’schen Werk bei all dem Futurismusgeklingel notorisch unterschätzt wird: die Fähigkeit, technologische, genormte, entemotionalisierte Prozesse und Objekte trotz und gerade wegen der Kälte und Präzision der Beschreibung aufzuladen mit dieser unvergleichlichen robotischen Niedlichkeit. Niemand kann das besser als Kraftwerk. Oder doch: ihre Stellvertreter. Die werden, tatsächlich im roten Hemd und mit schwarzer LED-Krawatte, gegen Ende des Konzerts hinter die Kommandopulte geschoben und dürfen Choreografien üben. Wer braucht da noch Menschen auf dieser Welt?

Ein dieser Tage in Birmingham stattfindender und von SPEX-Autor Uwe Schütte veranstalteter wissenschaftlicher Kongress bringt all die Themen von Schlichtheit über zeitlose Relevanz bis Heimeligkeit schon in seinem Titel auf den Punkt. Kraftwerk sind Volksmusik. Genauer gesagt: Industrielle Volksmusik for the Twenty-First Century. Jawohl. »Unterstützt von Volkswagen«, ist auf den Werbemitteln der »Katalog«-Veranstaltungsreihe zu lesen. Also bitte Volksempfänger und Fotofernsprecher auf Empfang stellen und abselfen.

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