Live aus dem Gasometer – das Flow-Festival in Helsinki in der Rückblende

Das finnische Flow-Festival ist eine der interessantesten musikalischen Großveranstaltungen Europas. Ein Besuch in Helsinki.

Wir sitzen in einem notdürftig zusammengezimmerten Holzverschlag und schwitzen. Die Bänke sind aus groben Bohlen und höher als üblich, man muss sie regelrecht erklimmen, einige der Gäste führen Bierdosen mit sich, der Blick geht durch eine beschlagene, verdreckte Plastikscheibe auf die Skyline von Helsinki, die keine Skyline ist, aber trotzdem sehr schön.

Schon klar: In einem Artikel über Finnland gleich im ersten Absatz ein Saunabad zu beschreiben, ist unter Umständen mehr Klischee, als unbedingt nötig gewesen wäre. Aber man kann das alljährlich in Helsinki abgehaltene Flow-Festival unmöglich reflektieren, ohne auch die finnische Hauptstadt und ihre Besonderheiten zu berücksichtigen. Und dazu gehört eben unter anderem eine halblegale Sauna direkt am Wasser auf einer Bau-Brache, die zudem noch diverse Party-Spots beherbergt – übrigens in der Art, wie es sie angeblich nur in Berlin gibt beziehungsweise: gab. Was also im konkreten Fall bedeutet, dass man nach einem langen Tag auf dem Festival in die Sauna geht, sich dort betrinkt, und zwischendurch so oft wie möglich ins selbstverständlich unmenschlich kalte Wasser hüpft – ein Traum.

Das Festival selbst wird auf dem Gelände eines ehemaligen Gaswerks abgehalten, eine sogenannte urbane Industrieruine. Die Überreste eines riesigen Gasometers und andere Anlagen sind in der Weise illuminiert, wie man es vielleicht vom Ferropolis-Gelände in Gräfenhainichen bei Dessau kennt, was dem Gelände ein weihevolles Ambiente verleiht. Der ideale Rahmen also für eine Zeitreise der besonderen Art: Man musste schon besonders herzlos und hartleibig sein, den Auftritt von Chic am Ende des ersten Flow-Tages einige Stunden vor dem Saunagang auf eventuelle Schwächen und Fehler zu untersuchen. Natürlich spielt der altgediente Fahrensmann Nile Rodgers mit seiner neuformierten Band eine Musik, wie es sie eigentlich gar nicht mehr gibt. Der Bassist Jerry Barnes sieht aus wie ein gedrungener Mafiakiller aus einem Film von Martin Scoresese. Er spielt diesen typisch halbgeslappten Bass, dessen Sound man früher pumpend genannt hätte – ein Stil, den selbstverständlich vor allem der verstorbene Chic-Mitbegründer Bernard Edwards etabliert hat, den Barnes aber perfekt beherrscht und sonst eigentlich kaum noch jemand. Die großartige Kimberly Davis röhrt und singt und faucht derweil mit einer Urgewalt, die ihre Mitsängerin Folami ein bisschen blass wirken lässt, Rodgers setzt Akzente mit diesen unglaublich ökonomischen Mini-Licks, die den Chic-Sound eventuell mehr geprägt haben als alles andere.

flow_maija astikainenFoto: Maija Astikainen

An diesem sommerlauen Abend in Finnland evozieren Chic also die Siebzigerjahre, das Studio 54, Al Pacino in Scarface, breite Spitzkrägen und Schlaghosen so groß wie Indianerzelte. Sie spielen natürlich »Le Freak«, »Good Times« und all die anderen Klassiker. Zudem einen kunterbunten Querschnitt durch das sonstige Schaffen von Nile Rodgers, der ja mit Diana Ross, Madonna, Sister Sledge, Brian Ferry, Mick Jagger und überhaupt so ziemlich jedem gearbeitet hat.

Das klingt dann in seiner scheinbaren Willkürlichkeit immer wieder ein bisschen wie aus der Jukebox oder im Festzelt, aber Rodgers hat all diese Songs ja tatsächlich geschrieben oder mitgeschrieben. Und so spielt er eben »Let’s Dance« von David Bowie, das der Schlagzeuger Ralph Rolle singt, und jenen Triumph, der ihn nach eher mageren Jahren im großen Stil zurück auf die Pop-Landkarte brachte: »Get Lucky« aus der Kooperation mit Daft Punk. Rodgers – mit der bekannten Frisur und im schneeweißem Anzug – lacht immerfort, sofern er nicht singt und hat offenbar unglaublich viel Spaß. Er erzählt, wie er nach seiner Krebsdiagnose vor einigen Jahren beschlossen hat, jede verbleibende Minute der Musik zu widmen. Die Diagnose war niederschmetternd, Rodgers hatte nach Ansicht der Ärzte nur noch wenige Monate zu leben, die Aussicht auf Heilung lag bei zehn Prozent. Nun, fünf Jahre und ein gewaltiges Comeback später sagt er folgendes: »Forget Grammy Awards, I’m alive, I’m cancer free.« Nile Rodgers, dieser große, verdiente Produzent, Songschreiber und Musiker, hat dem Krebs getrotzt und darf nicht nur deshalb machen, was er will.

Der denkbar größte Gegensatz zu Chic wird dann einige Meter weiter von The War On Drugs inszeniert, bevor man später am Abend komischerweise den Eindruck gewinnt, bei den Shoegazern Ride handele es sich um die größte Band der Welt. Tatsächlich waren Ride in ihrer aktiven Zeit durchaus erfolgreich in England, hierzulange handelte es sich bei den Briten jedoch um einen sorgfältig unter Verschluss gehaltenen Geheimtipp, dessen Namen die meisten vermutlich erstmals bewusst wahrgenommen haben, als sich der Gitarrist Andy Bell um die Jahrtausendwende Oasis anschloss, wo er allerdings Bass spielte.

Nun stehen die reformierten Ride seit einiger Zeit auf den Bühnen der internationalen Festivals und wirken in Helsinki vor überraschend großem Publikum auf andere Weise ebenso aus der Zeit gefallen wie Chic. Insbesondere der in schönster Bestätigung des alten Shoegazer-Klischees völlig nichtpräsente Mark Gardener und der Gitarrist Steve Queralt sollten zudem dringend ihre Garderobe überdenken. Die ungebrochene Klasse von »Taste« oder »Vapour Trail« bleibt indes selbst durch Cowboyhüte zu über Bierbäuchen spannenden Muscle-Shirts und Anglerhemden unberührt.

Viel zu hektisch und ballermannbollerig sind danach leider Major Lazer, deren Diplo einige Stunden zuvor vor kleinerem Auditorium bereits einen quasi deckungsgleichen Ibiza-Krach aufgeführt hatte, während Run The Jewels sich im Anschluss als ideale Einstimmung auf die Sauna erweisen – ein Abriss!

runjewels_flow_robert lindstromRun The Jewels / Foto: Robert Lindstrom

Generell werden die Shows hier teilweise parallel auf bis zu sieben Bühnen abgehalten, was einen einigermaßen repräsentativen Überblick im Verlauf einer solchen Besprechung quasi unmöglich macht. Aber da es eh nichts Langweiligeres gibt als Festival-Rückblicke, die Kurzrezension an Kurzrezension hangeln, wollen wir uns auf einige wenige Augenblicke beschränken und anderes nur im Kurzdurchlauf erwähnen: Protopunk-Psychedeliker Black Lizard kommen ebenso aus Helsinki wie Mirel Wagner, die mit einer Gitarre und einem tonnenschweren Afro in der Mitte der Bühne sitzt, deren Auditorium aus allen Nähten platzt. Leider wird unentwegt geredet, die akustischen Miniaturen der Finnin sind wenig geeignet für ein Open-Air-Festival, aber gleichwohl betörend.

Der zweite Tag beginnt unter anderem mit Konzerten der Und-Bands Skepta & Wiley, Belle & Sebastian und den erstaunlicherweise in Finnland in Rekordzeit zu Superstars gewordenen Years & Years. Der Auftritt der Engländer bietet eine hervorragende Gelegenheit, sich zwischendurch ein wenig zu stärken. Wie von skandinavischen Festivals gewohnt, legt man auch hier großen Wert auf ein Food-Konzept, wie es bei deutschen Festivals völlig undenkbar ist. Beinahe sämtliche Landesküchen und Ernährungsweisen werden berücksichtigt, es schmeckt tatsächlich alles gut, manches gar herausragend.

Von der indischen Bude, für die wir uns entscheiden, kann man zwar ganz wunderbar Roisin Murphys eindrucksvolle Präsenz und die zahlreichen Kostümwechsel bestaunen, der Sound wirkt aber aus der Distanz leicht verweht – wie das einzige Manko dieses Festivals ohnehin zumindest periodisch das beinahe aller innerstädtischen Veranstaltungen dieser Art ist: der Anwohner wegen ist vieles schlicht zu leise. Was leider auch für die Pet Shop Boys gilt. Eine Band, die natürlich im Prinzip unantastbar ist, beim Flow-Festival aber leider auch schrecklich langweilig. Jenseits der ersten 30 Reihen verweht auch hier der Sound, es klingt, als habe jemand das Radio angestellt. Und die Choreo eines ungelenk tanzenden Paares ist zwar vermutlich bewusst asynchron und wenig professionell gehalten, aber leider im Ergebnis auch: rührend schlecht. Einmal mehr fällt zudem der erschreckende Gap zwischen den Stücken der letzten Alben und der Greatest-Hits-Revue zum Ende des Konzerts auf.

taler_robert lindstromTyler, The Creator / Foto: Robert Lindstrom

Das Publikum ist überdies reichlich unterkühlt, wie die überwiegende Mehrzahl der Finnen ihre ungeachtet dessen große Freude über die musikalischen Darbietungen des Wochenendes ohnehin nicht zwangsläufig mittels über dem Kopf klatschender Hände und dauerhaften Jubels kanalisieren. Was nicht zuletzt den Vorteil hat, dass es auf dem Flow im direkten Vergleich zu jedem mir bekannten deutschen Festival dieser Art erstaunlich gesittet zugeht: Anstelle der Gehwege nutzt das Publikum die Toiletten zur Erledigung entsprechender Geschäfte, Müll wird über die bereitstehenden Tonnen entsorgt, die meisten feiern ausgelassen, aber weder völlig enthemmt noch komatös betrunken oder überhaupt übertrieben substanzgeschwängert.

Letzteres ist unter Umständen auch den skandinavientypisch hohen Alkoholpreisen geschuldet: Eine kleine Dose Bier kostet sieben Euro, Long Drinks und Wein zehn und mehr. Übrigens wird das Bier exakt in jenen Dosen weitergegeben, es kommen keine Plastikbecher zum Einsatz. Trotzdem überleben die meisten Besucher wie durch ein Wunder die drei Flow-Tage, für deutsche Veranstalter in Zeiten von Plastikpfandbechern eine Unvorstellbarkeit. Eventuell ist aber auch diese Maßnahme der kaum zu durchschauenden finnischen Alkoholgesetzgebung geschuldet. Alkohol gibt es bereits ab 20 Uhr nicht mehr an der Tankstelle, und er darf dann auch nicht mehr im Außenbereich gastronomischer Einrichtungen ausgeschenkt werden. Das Flow-Gelände ist unterteilt in Bereiche, in denen getrunken und geraucht werden darf, und solche, in denen beides nicht erlaubt ist. Die Aufteilung erscheint völlig willkürlich, führt aber dazu, dass die Nichttrinkerbereiche schön geräumig und leer sind und man also niemals in Platznot gerät, wenn man nicht will.

Der Sonntag bringt leider abermals die Erkenntnis, wie langweilig und nichtssagend die britische Band Alt-J ist. Auch in Finnland ist es uns trotz hartnäckiger Versuche nicht gelungen, auch nur ansatzweise die Faszination zu ergründen, welche die Gruppe offenbar auf abertausende Leute überall auf der Welt ausübt. Flying Lotus und Tyler, The Creator bringen im Anschluss dankenswerterweise eine gesunde Portion Madness aufs Flow, Future Brown bestätigen ihren Ruf als eine der inspiriertesten Formationen der letzten Zeit – und den von Fatima Al Qadiri als eine der wichtigsten aktuellen Kräfte der experimentellen Popmusik. Die göttliche Nina Kraviz tritt dann leider auf einer viel zu kleinen Bühne auf und kann nur gehört, nicht aber gesehen werden, was natürlich nicht einmal das halbe Vergnügen ist, während der Winner und Scientologe Beck im schwarzen Anzug und mit Hut das Publikum mit seiner Slacker-Hymne »Looser« umgarnt.

flow_beckBeck / Foto: Niklas Sandström

Der Höhepunkt sowohl des Sonntags wie auch des gesamten Festivals ist dann der Auftritt von Florence & The Machine. Vom ersten Song »Ship To Wreck« an hat die Engländerin das Publikum komplett im Griff, wie ein weiblicher Mick Jagger sprintet sie unablässig über die Bühne, ohne eine Note zu verpassen, Florence Welch – ohnehin eine der beeindruckenden Frauenfiguren in der Popmusik der letzten zehn Jahre – ist die wohl beste Performerin im aktuellen Pop-Mainstream. Die zum Ensemble mit Chor, Glockenspiel und Streichern angewachsenen Machines sekundieren routiniert und souverän, das Spotlight gehört Florence alleine, als vermutlich einzige gelingt es ihr an diesem Wochenende, das Publikum bis in die letzten Reihen zu den gewohnten Festivalritualen zu bewegen.

Florence_samuli penttiFlorence And The Machine / Foto: Samuli Pentti

Danach wird das Gelände in einem derartigen Eiltempo geräumt, dass man kaum zum Austrinken kommt. Dennoch geht die Prozedur still und geordnet von statten. Kein Mensch beschwert sich, alle bleiben friedlich, nirgendwo liegt Müll, eine halbe Stunde nach den letzten Akkorden ist das Flow 2015 Geschichte. Ob das Festival im nächsten Jahr noch einmal auf dem angestammten Gelände stattfinden kann, ist fraglich: Das alte Gaswerk befindet sich inmitten einer neu entstehenden Edel-Wohnsiedlung, Gentrifizierung kennt man auch in Helsinki. Wenn sie doch bloß die Sauna stehen lassen würden!

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.