Mit Little Women nimmt sich Greta Gerwig einer Geschichte Louisa May Alcotts an, die schon oft nacherzählt wurde. Nie aber so radikal wie in dieser Version.

Freiheit wiegt schwer. Jo March (Saoirse Ronan) muss sich hinsetzen. Gerade erst hat sie Laurie (Timothée Chalamet) gesagt, dass sie ihn nicht heiraten wird. Er ist aus dem Bild geschlichen. Sie bleibt mit den Zweifeln am Hang zurück, die mit Autonomie einhergehen. Ihre Kindheit ist nicht mehr. Gemeinsam mit Jo schaut man den Abhang hinab. Eine Kirchturmspitze ragt aus dem Wald heraus. Es ist ein Anblick, welcher zwar alle Zutaten der Romantik in sich trägt, doch nur von faulen Augen als solche beschrieben werden könnte. Der Himmel im Hintergrund ist endlos, doch auch er bietet keine Klarheit. Das Bild erzählt von Gewissheit im Dickicht der Entscheidungspflicht. 

Keine Rock-Star-Qualitäten und stolz drauf – Emma Watson als Meg in Greta Gerwigs „Little Women“ (Foto: Sony Pictures).

Die Regisseurin Greta Gerwig hat sich Louisa May Alcotts Little Women angenommen. Nun auch sie, könnte man sagen. Der amerikanische Klassiker hat schließlich seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1896 über 20 Adaptionen erfahren – im Kino, im Theater, als Musical oder Anime. Über ein Jahrhundert schon spricht die Geschichte der March-Schwestern zur Jugend, immer wieder finden die Worte des Originals Gehör. Alcotts Stoff hat immer Konjunktur. Was zu gleichen Teilen dem Genie der Vorlage zu verdanken ist. Im vorliegenden Fall aber auch Gerwigs Drehbuch. Das nämlich ist eine Schatztruhe. Hinter jeder Ecke wartet ein Snack, eine kleine Delikatesse, ein großer, mutiger Gedanke. Das Ensemble dankt es ihr mit warmer Wucht. 

Zusammengewebt ist Little Women aus Zeilen der Vorlage, aber auch vereinzelt dem Briefverkehr Alcotts, die während des Bürgerkriegs als Lazarettkrankenschwester an der Front war und anschließend die Familie mit ihrer Literatur durch viele harte Winter brachte. Die Stimme der Regisseurin bricht immer wieder durch und ihre Version schwingt sich zu einer Diskussion zeitloser Weiblichkeit hoch.

Doch werden die Gedanken in Little Women nicht einfach vorgetragen, sondern ihre Gegenargumente und potenziellen Nachteile mit ausgestellt. Die offensichtlichste Änderung, die Gerwig im Kontrast zur Romanvorlage vornimmt, ist eine strukturelle: Sie schneidet die Geschichte in der Mitte durch und zeichnet die Lebenswege von Jo, Meg (Emma Watson), Beth (Eliza Scanlen) und Amy (Florence Pugh) in zwei Zeitstreifen nach. Das ist so genial wie elegant. Es ermöglicht der Geschichte, sich selbst auf die Finger zu klopfen. Was deswegen wichtig wird, weil Gerwig die eigenen Produktionsbedingungen mit in ihre Gedanken aufnimmt. 

So widmet sich der Film zu gleichen Anteilen der Jugend der Schwestern wie auch ihrem Leben nach dieser Zeit der Unschuld. Kenntlich gemacht wird dies von der Kamera von Yorick Le Saux, welche die frühe Zeitlinie in Sepia tunkt. Die Schwestern leben mit ihrer Mutter (Laura Dern) in Connecticut. Während der Vater an der Front des US-Bürgerkrieges kämpft, genießen sie eine Kindheit voller Kreativität und Leichtigkeit. Der Kamin ist immer an und der Tisch reich gedeckt. Jo schreibt, Meg schauspielert, Beth spielt Klavier, Amy malt. Die Liebe ist platonisch und ungefährlich. Eng umschlungen lauschen die Mädchen Geschichten und Briefen von der Front, eine Hommage an die heimelige Filmversion von Gillian Armstrong aus dem Jahr 1994. 

Nach den Zeiten der Unschuld

Im Erwachsensein hingegen setzt sich die sonst tanzende Kamera zu ihren Protagonisten an den Schreibtisch. Die zweite Zeitlinie und somit der eigentliche Film beginnt in New York. Dort sitzt Jo vor ihrem Verleger (Tracy Letts) und versucht, ihre Geschichten zu verkaufen. Es braucht Geld. Beth ist an Scharlach erkrankt, Meg hat mit einem wenig betuchten Tutor Zwillinge bekommen und Amy ist in Paris, wo sie als Malerin scheitert, obwohl die Chancen für eine Heirat weiterhin gut stehen. Die Bilder sind längst nicht mehr in Sepia. Das Erwachsenwerden hat viele Facetten in Little Women, im Gefühl der zu machenden Abstriche aber bündeln sie sich. Doch an dieser Stelle beginnt die Gedankenwelt Gerwigs überhaupt erst ihren Siegeszug.

Die Geschichte des Feminismus lässt sich grob in drei Wellen unterteilen. Die erste, Alcott vorneweg, kämpfte für das Wahlrecht, dafür, zu arbeiten, zu besitzen. Der zweiten Welle ging es um  kulturelle Emanzipation, um Anerkennung und Abgrenzung. Die dritte nun legt Wert auf Inklusion und Vielfalt. Little Women ist eine Vertreterin der dritten Welle. Dies ist aber nicht nur eine reine Eigenschaft, sondern eine echte Tugend. Der Film vereint den Geist der Gender Studies und die Verschworenheit der darstellenden Künste mit den Mitteln eines Juraseminars. Hinter jeder Forderung steht eine Realität, für den Fall, dass das Postulat tatsächlich Einzug erhält. 

Nehmen wir als Beispiel Meg. Ihre Entscheidungen sind aus heutiger Sicht sowohl modern als auch konservativ. Sie heiratet aus Liebe, in der Ehe aber führt sie ein Leben als Hausfrau. Der Film, wohlwissend um die mangelnden Rock-Star-Qualitäten dieser Figur, weiß sie trotzdem zu verteidigen: „Nur weil meine Träume andere sind als deine“, sagt Meg ihrer Schwester Jo, die sich für das Leben als Schriftstellerin entschieden hat, „heißt dies nicht, dass sie weniger wichtig sind.“ 

Und genauso wie der Film jene Figuren aufwertet, die in älteren und der zweiten feministischen Welle zugehörigen Versionen häufig ignoriert oder herabgewürdigt wurden, so stutzt der Film seine sprudelnde Heldin Jo zurecht. Einmal steht sie am Kamin. „You’re on fire“, sagt man ihr. Sie dankt, in Gedanken verloren. „Nein, du brennst tatsächlich“, heißt es, und man zeigt auf ihren Rock, der Feuer gefangen hat. Die Geschichtenerzählerin Jo, leicht ersichtliches Alter Ego für Alcott und Gerwig, wird mit ihrer künstlerischen Egozentrik konfrontiert. Aber dies geschieht, wie fast alles in Little Women, mit Zuneigung und Empathie.

Eine Geschichte des Herzens

Jo hat mit der Titelfigur von Gerwigs Regiedebüt Lady Bird nicht nur gemein, dass sie erneut von Ronans federleichter Energie gefüllt wird. Ihre Entscheidung zur Karriere, ihre Risikobereitschaft und ihre Ablehnung des Konformen bleibt die Herzkammer einer Geschichte, die jederzeit eine Geschichte des Herzens sein möchte. Nur eben nicht, ohne den Kopf dabei auszuschalten. Spät im Film, als bereits Tod und Nöte das Erwachsensein unumgänglich gemacht haben, lässt Gerwig sie einen Monolog führen, in dessen Verlauf sie hadert. Mit den eigenen Entscheidungen, der eigenen Identität, aber auch der Welt, die diese einfach nicht akzeptieren will: „Ich habe die Leute so satt, die behaupten, eine Frau sei nur für die Liebe gut“, sagt sie. Es ist ein klassischer Hollywood-Moment, den Little Women behutsam vorbereitet hat. Empowerment. Viele Gedanken und viele Geschichten enden hier. Doch im gleichem Atemzug erklärt Jo mit selber Intensität ihre Einsamkeit und das ganz direkt: „Ich bin so … einsam.“

Genauso wie Jo mit ihren Entscheidungen ringt, tut es der Film. Mit sich selbst, mit dem System und der Unmöglichkeit, jemals zu erfahren, ob man die erlangte Autonomie zum Besseren genutzt hat. Für Gerwig entsteht Emanzipation auf dem Weg durch die Normen und Zwänge der Gesellschaft hindurch, nicht weg von ihnen. Um zu sich selbst zu finden, personifiziert Little Women die gegebenen Optionen. Selbst Tante March, eine reaktionäre, humorlose Jungfer, die bei jeder Gelegenheit ungefragt zur Geldheirat rät, wertet Gerwig damit auf, sie mit Meryl Streep zu besetzen. Denn auch die Sicht der Tante erwächst aus Idealen, die auf ökonomische Realitäten treffen. Es geht nicht nur darum, was man will, sondern auch immer wie viel man bereit ist, dafür zu opfern. Was Little Women zu einem genauso universellen wie explizit feministischen Film macht. Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung wird sowohl theoretisch formuliert als auch einem Praxistest unterzogen.

Little Women bewegt sich bewusst in einer Welt, die bislang von Männern geschaffen und beschrieben wurde. Nicht in reiner Ablehnung, aber in Klarheit darüber, wer hier bislang die Definitionsmacht hatte. Auch im Wort wird dies wunderbar ausformuliert, wenn die Schwestern darüber streiten, was eine Geschichte bedeutsam mache oder wer wen zum Genie erklärt. Immer wieder wird über das Schreiben und seinen Prozess reflektiert. Die Korrekturen eines Kollegen sind für Jo genauso herablassend wie konstruktiv. Das Feilschen mit ihrem Verleger dient der Geschichte als Rahmen. Den Briefverkehr des Romans inszeniert Gerwig häufig als Ansprache ans Publikum. Die Autor_innenschaft, privat oder publizistisch, wird geadelt. 

Regen zum Rom-Com-Finale

Zum Rom-Com-Finale wird die Regenmaschine angeworfen. Als Notiz ans Publikum, dass es ihm weiterhin erlaubt ist, zu genießen. Nachdem man zwei Stunden in dieser warmen Welt verbracht hat, geschieht etwas. Jo sitzt erneut beim Verleger. Er fragt, wann die Hauptfigur denn endlich heiratet. Mittlerweile ist das ein Gag. Er will ihre Geschichte aber nur kaufen, wenn sie das Ende ändert. Sie willigt ein. Sofort. Ökonomische Realitäten. Und plötzlich ist die gesamte Welt, die Gerwig vor unseren Augen aufgebaut hat, nicht mehr zuverlässig. Wer erzählt hier? Alcott, Gerwig – oder doch der Executive bei der Filmproduktionsfirma Columbia Pictures?

Das folgt einer Strategie, die bisher den (Gewalt-)Fantasien der Männer vorbehalten war und die nun zum Mittel wird, um die eigene Subversion, nun, zu verkaufen. Das Sepia der Erinnerung wird gefragt, wie viel es tatsächlich erinnert und wie viel es verklärt. Und die Standards der Rom-Com, stellen sie eine Sehnsucht dar oder doch den Versuch, dem Publikum noch etwas in die Harmonie zu rühren? Die Ungewissheit der Figuren ist auf die Erzählung selbst übergetreten. Woraus große Genauigkeit erwächst. Und Stolz. Denn bis ins Schlussbild hinein ist in Little Women nichts sicher, außer der Passion des Geschichtenerzählens. Der Stolz auf das eigene Wirken, die eigenen Entscheidungen, er ist unerschütterlich. Bei allem Hadern, bei allen Zweifeln, aller Unzuverlässigkeit. Denn die ewig von Zweifeln begleitete Freiheit ist immer der entspannten Abhängigkeit vorzuzuziehen. Ganz gleich, wie schwer sie wiegt.

Little Women
Regie: Gret Gerwig
Mit Saoirse Ronan, Emma Watson, Florence Pugh, Eliza Scanlen, Timothée Chalamet, Laura Dern, Meryl Streep, u.a.
Startet am 30.1.