In der Kinderstube des Punk: Die Reihe »Light And Darkness« schafft ein Heimstatt für die Rebellen der 2010er

Im Berliner Untergrund klafft eine Lücke. Wo früher – das heißt in den Achtzigern – Progressivität auf der Tagesordnung stand, wird heute Vollzeit stehengeblieben. Sonnenbrille -, statt Augen auf: »Schaulaufen als Ersatz für Kontrollverlust und Kalkül anstelle von Affekt«, so der Vorwurf an den Zeitgeist. Eine Feststellung, die Booker Christopher Möller dazu bewog, Lückenfüller zu spielen und den Achtzigern ein Heimstatt in den Zweitausendzehnern zu bieten.

Von nun an wird die Zielgruppe »Punk im Herzen und Wave im Plattenregal« in regelmäßigen Abständen Asyl im Berliner SO36 finden. Dort nämlich feiert die von Möller initiierte Konzertreihe »Light And Darkness« heute ihre Erstauflage. Das Premieren-Line-Up ist stattlich. Man mäandert durch die Genres, geht dabei jedoch stets ambitioniert zu Werke.

Neben den Münsteraner Post-Punkern der Stunde Messer, Wampire aus dem US-Synthpop-Sumpf und Tüsn, die den Sechssaiter direkt aus der Besetzung kanten und damit unmissverständlich zum Ausdruck bringen, wie viel sie auf Indiepop-Standards geben, fallen die Leipziger Weltuntergangs-Propagandisten Warm Graves mit der Falltür ins Haus. Dass der bereits angekündigte Alex Zhang Hungtai sein Lo-Fi-Alias Dirty Beaches kurz vor dem »Light And Darkness«-Auftakt via Twitter für tot erklärte, ist schade, lässt das Line-Up jedoch nicht weniger fett auf dem Programmflyer prangen. Denn mehr als ersatzweise konnte die Avant-Pop-Kapelle Merchandise verpflichtet werden. Warum Berlin genau dieses Format dringend gebraucht hat, erklärt Christopher Möller im SPEX.de-Blitzinterview.

SPEX.de: Welches Vakuum soll die »Light And Darkness«-Reihe füllen?

Christopher Möller: Sie soll die Art von Musik wieder ins SO36 bringen, die dort in den Achtzigern schon präsentiert wurde. Die Untergrundszene rund um den Zensor, den genialen Dilletanten und viele mehr haben die Punk-, Avantgarde-, Kunst- und DIY-Szene und die weitere Entwicklung der Subkulturen in Berlin damals am stärksten beeinflusst. Die heutigen Künstler aus dieser Sparte spielen meist in den angesagten, hippen Clubs in Berlin, statt in der Kinderstube des Punks in der Oranienstraße.

SPEX.de: Unter welchen Gesichtspunkten wird das Line-Up zusammengestellt?

Möller: Unser Hauptaugenmerk liegt auf Postpunk-, Noise- und Avantgarde-Bands. Wir sind aber auch offen für Künstler aus dem Drone- und Ambient-Bereich oder Black-Metal-Bands, wenn sie zum Rest des Line-Ups passen. Bei der ersten Ausgabe konnten wir nach der Absage und dem offiziellen Ende von Dirty Beaches glücklicherweise Merchandise als würdigen Ersatz gewinnen – das spiegelt die stilistische Bandbreite ganz gut.

SPEX.de: Warum hat Berlin genau diese Konzertreihe gefehlt?

Möller: Das fragen wir uns auch. Diese Art von Musik ist und bleibt im Untergrund. Deswegen versuchen wir Leute aus den verschiedensten Kontexten von der Design-Hochschule bis zum autonomen Crust-Punk-Schuppen anzusprechen.

SPEX.de: Soll »Light And Darkness« als regelmäßiges Format etabliert werden, wird die Reihe an verschiedenen Orten stattfinden?

Möller: Die Ambition ist, alle zwei bis drei Monate eine Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Momentan buchen wir bereits die Künstler für die März-Ausgabe. Unser Ziel ist es schon, das SO36 als Stamm-Location zu etablieren. Schließlich hat uns die Geschichte des Ladens erst zu der Reihe inspiriert. Ob sich unser Plan umsetzen lässt, hängt nicht zuletzt von der Offenheit des Berliner Publikums ab.

Light And Darkness #1
Mit Messer, Merchandise, Wampire, Warm Graves, Tüsn
5. Dezember, 20 Uhr
Berlin – SO36

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