Liebe ist echt, Sex ist echt

Foto — Heji Shin

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Los ging es mit Shades Of Grey, jenem sogenannten Skandalroman auf Groschenheftniveau, der Millionen Käufer fand, angeblich überwiegend Frauen. Der Erfolg löste eine Debatte in den Medien aus, und Shades wurde zur Mainstream-Speerspitze einer Welle neuer Porno- und Erotikveröffentlichungen, die den Anspruch erheben, vermitteln zu können, »wie Frauen sexuell fühlen«. Aber wird dieses Versprechen auch eingelöst?

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Was Simon Reynolds und Joy Press in ihrem bahnbrechenden Werk über die Geschlechterverhältnisse im Rock, The Sex Revolts, zur Situation von Musikerinnen zu Beginn der 1990er Jahre zu sagen hatten, trifft in merkwürdiger Weise auch auf die Darstellung weiblicher Sexualität in neuen Büchern, Filmen und den Medien im Jahre 2012 zu. Das Rockkritikehepaar hatte 1995 richtig feststellt, dass sich die Rockkultur, nachdem sich die Begeisterung für die Authentizität schwarzer Kämpfe und Leidensgeschichten aus den 1960ern endgültig erschöpft hatte, ab Ende der 1980er­Jahre enthusiastisch weiblichen Subjektivitäten und deren vermeintlichen »Outsider­-Erfahrungen« zugeneigt hatte. Diese seien den Akteuren wie eine »whole new frontier, ripe for colonisation« erschienen. Auf einmal sollten die Frauen, deren Rebellion bis dahin eher nur auf sexueller Ebene, als Groupie oder Muse, erwünscht gewesen sei, für sich und aus sich selbst über ihre genuin »weiblichen« Ängste und Ärgernisse sprechen.

   Nachdem die Beschäftigung mit Pornografie schon vor einigen Jahren seriöse Feuilletons, akademische Schreibstuben und ehrwürdige Kunstinstitutionen erreicht hat und stetig Studien, Artikel oder ganze Bücher erscheinen, die die »Pornografisierung« von Gesell­schaft entweder anprangern, nüchtern analysieren oder als Medienhype entlarven, passiert hier nun auch wieder die Hin­wendung zu den vermeintlichen Objekten der Pornografie, wie auch Frauen immer Objekte der Rockmusik waren. Es interessiert auf einmal, nachdem das Genre an sich normalisiert wurde, die Partikulär­-Frage: Wie sehen denn die Frauen das? Wie positionieren die sich darin und dazu, und was wollen die? Oder, noch üblicher in Bezug auf Frauen: Was fühlen die eigentlich?

   Sicherlich drängt sich genau diese Frage eigentlich automatisch auf, wenn man von der Prämisse ausgeht, dass überwälti­gende Anteile heterosexueller Pornografie weder Frauen als Idealkonsumentinnen avisieren noch sie in selbstbestimmter oder gar machtvoller Aktion zeigen. Doch nachdem die Feministinnen der sogenann­ten Zweiten Welle, also die Frauen­bewegung der 1970er­Jahre, einerseits massive Kritik an der entwürdigenden Darstellung von Frauen im Porno geübt hatten und andererseits der Prozess der sexuellen Selbstermächtigung von Frauen zur gleichen Zeit in Gang gekom­men war, ist das, was im Moment zu beobachten ist, eine Art medial aufbereitete Amalgamierung von beidem: eine Kritik beziehungsweise ein Reworking herkömmlicher Pornografie sowie eine neue Erforschung weiblicher sexueller Subjektivitäten.

   Gewiss ist es verwunderlich, dass über 20 Jahre nach dem »Public Cervix Announcement« von Annie Sprinkle, bei dem die (Post-­)Pornodarstellerin in einer Performance das Publikum durch ein Spekulum in ihre Vagina blicken ließ, weibliche Sexualität noch Kolonisierungs­potenzial zu haben scheint. Doch es geht um mehr: In einer Zeit, in der die Rede von der pornografisierten Gesellschaft ein hegemonialer Diskurs geworden ist, gibt es eine verstärkte Sehnsucht nach – wenn nicht nach einem Außen, so doch nach einer irgendwie besseren, weniger kalten/freudlosen Variante des Omnisex. Die, so der sich derzeit erhärtende Verdacht, wird im »Echten« gesucht, in einer Authen­tizität der sexuellen Erfahrung abseits von »falschen« oder hyperinszenierten Bildern pornografischer Sexualität, für die Frauenkörper und ­-gefühle der Garant sein sollen. Denn Frauen, von denen man annimmt, dass sie von der herkömmlichen, kommerziellen Ausbeutung von Sex abgestoßen werden, da sie in ihr zum Groß­teil als willfährige Objekte vorkommen, sollen nun zeigen, wie es anders gehen kann. Die weibliche Inklination zur »Echtheit«, die sie ja von der Bürde un­realistischer Bilder befreien soll, bürgt für die humanere Variante der sexuellen Erfahrung.

   So konzentriert sich zum Beispiel der teilweise Kickstarter­-finanzierte Softporno Hotel Desire, der mit großem Medienaufwand als »echter« Film über Sex, als »PorNeo« angekündigt wurde, auf die Perspektive der Protagonistin, die zu Beginn des kurzen Streifens ihrer Kollegin mit brechender Stimme gesteht, sie habe schon sieben Jahre lang »keine Liebe mehr gemacht«. Die Privilegierung der weiblichen Sichtweise kommt hier durch pseudo-sinnliches Geknutsche, Schweißperlen auf glänzenden Körpern und anschwellende Kitschmusik zum Tragen, was die Kopulation der frustrierten Hotelangestellten mit einem blinden Maler lebensnäher machen soll, dabei aber in arg gegenderten Klischees steckenbleibt. Auch das Plädoyer der jungen britischen Feministin Nina Power in ihrem program­matischen Band Die eindimensionale Frau für die Vorzüge des Vintage Porn, also alte, hauptsächliche französische Schwarz­-Weiß­-Sexfilme aus den Jahren 1910 bis 1950, zeigt sich verliebt in das Authenti­sche: So viele verschiedene Körperformen seien dort zu sehen (u.a. auch Männer, die keinen hochbekommen), und die Akteu­rInnen sähen so aus, als würde ihnen der Sex Spaß machen – ja, die Frauen lachen sogar mitunter!

   Ebenso setzen die zwei Autorinnen des erfolgreichen Aufklärungsbuches Make Love auf die Demystifizierung von wirk­mächtigen Pornobildern – die Riesentitten aus den Filmen sind meist gar nicht echt, und so viel Sperma, wie die Rammler dort verspritzen, produziert auch kein Normalo, heißt es da beruhigend –, um die jugend­liche Annäherung an Sex ein bisschen menschlicher und weniger furchterregend zu machen. Bücher wie Mithu Sanyals Vulva oder Muschiland von Ulrike Helmer reklamieren einen selbstbewussten Blick auf das »unsichtbare Geschlecht«, frei von patriarchalen Vorstellungen, Verdeckungen oder Manipulationen. Sogar die Porno­heft­-Verlegerin Dian Hanson gab unlängst beim Taschen Verlag einen opulenten Fotoband mit dem Titel The Big Book Of Pussy heraus, in dem Frauen – fröhlich lächelnd – nicht nur kahlrasierte Norm­mösen präsentieren, sondern auch buschige Biber, die »echter« kaum sein könnten.

   Doch wie passt nun die weltweite Begeisterung für den wegen seiner Bieder­keit bereits »Mommy Porn« titulierten Bestseller Shades Of Grey in dieses Raster, in dem eine junge Frau sexuelle Erfahrun­ gen als devote Sexpartnerin eines dominan­ten Mannes sammelt? Zumal in einer Traumwelt, in der ein Fingerschnippen des unfassbar attraktiven, wohlhabenden, erfolgreichen und (außerhalb des »Spiel­zimmers«) zuvorkommenden Sexsadisten ausreicht, um der ziemlich weltfremden Heldin Computer, Auto und Flüge mit dem Helikopter zu Füßen zu legen? Ganz einfach: Abgesehen davon, dass die Story, die letztlich nur eine Metapher für die alte Leier vom begehrenswerten, aber leider bindungsgestörten Mann ist und diese mit ein paar halbscharfen, harmlosen S/M­-Szenen würzt (die Protagonistin mit ihrem kreuzbraven Leben als Studentin ist nämlich so gar nicht überzeugt von ihrer Rolle als Sub), wird das absolut Authenti­sche der ad infinitum wiederholten Liebes-­ und Sexszenen nun im Schmerz gesucht, der die beiden Lovebirds in streng geheimen Spielen fester aneinander bindet, als jeder gewöhnliche Fick es könnte. Denn »in der Folter offenbart sich der Körper als ein System des Inneren, das die Lüge der reinen Oberfläche durchkreuzt«, weiß Georg Seeßlen in seinem aufschlussreichen Essay Sex-Fantasien in der Hightech-Welt 1 zu berichten. So gewährt nur der Schmerz der Sexualität und der damit, trotz aller gegenteiliger Beteuerungen des bindungs­unfähigen Männchens, untrennbar verbun­denen Liebe ihre Echtheit.

   Alles fake also? Mitnichten, denn die Bemühungen um genuin weibliche Perspektiven auf Sex haben das Potenzial, Pornodiskurse zu beeinflussen. Doch man sollte nicht vergessen, dass alle Bilder von Sexualität und Geschlecht gemacht sind – das Diktum von John Berger aus dem Jahre 1972 hat heute nach wie vor Gültigkeit: »Men look at women. Women watch themselves being looked at.«

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Ann Marlene-Henning & Tina Bremer-Olzewski
Make Love: Ein Aufklärungsbuch
256 Seiten, Rogner & Bernhard

Ulrike Helmer
Muschiland – Exkursionen in eine kulturelle Intimzone
160 Seiten, Ulrike Helmer

E L James
Aus dem Englischen von Andrea Brandl und Sonja Hauser
Shades of Grey – Geheimes Verlangen: Band 1
608 Seiten, Goldmann

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