Liberation Technologies im Interview

Foto: Patrick O'Neill & Daniel Miller of Liberation Technologies - Erika Wall

Nachdem Mute sich Ende 2010 wieder von EMI selbstständig gemacht hatte, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit bis Daniel Miller der Labelfamilie einen weiteren Zweig eröffnen würde. Denn neben Veröffentlichungen von D.A.F., Depeche Mode, Erasure, Nick Cave, Einstürzende Neubauten oder Kraftwerk betrieb Mute auch immer wieder interessante Sublabels. Im Frühling 2012 tritt nun der neueste Entwurf auf den Plan: Liberation Technologies, das Miller mit Patrick O’Neill, früher A&R bei Honest Jon’s, Domino und Columbia, betreiben wird, will mit besonders aufwendigen und selektierten Platten auf sich aufmerksam machen. In bester Mute-Tradition wird das Feld der Electronic Dance Music durchpflügt, die erste Veröffentlichung kommt von einer versierten jungen Künstlerin. Im Interview mit spex.de erklären Miller und O’Neill das neue Projekt.

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Daniel, für das vorletzte Spex-Interview vor fünf Jahren (Spex #308) besuchte Sie Martin Hossbach mitten in den Umzugsvorbereitungen in den alten Mute-Büros in der Harrow Road. Sie schwärmten damals von der symbiotischen Beziehungen zwischen Label und Gebäude. Wo befinden Sie sich jetzt?
DANIEL MILLER: Wir sind jetzt in Hammersmitth, unweit der King Street. Der Ort heißt Albion Place. Als Martin in das alte Büro kam, waren wir da bereits seit 20 Jahren und hier sind wir erst seit einem. Aber ja, wir bekommen mittlerweile dieses Gefühl zusammen. Und wir haben ein Studio direkt gegenüber, was großartig ist.
(Anm.d.V.: Im Hintergrund ein Meer von Stimmen. Bei Mute bevorzugt man ein offenes Büro.)

Und nun machen Sie sich auf zu neuen Ufern. Was war ihr Antrieb, ein neues Label zu starten?
DM: Mute hat die Electronic Dance Music von seinem ersten Tag an begleitet. Mitte der 80er gerieten wir mit unserem Ableger Rhythm King (Anm.: Ein Mute-Sublabel bis 1991.) mitten hinein, in den frühen 90ern starteten wir dann NovaMute (Anm.: Ein weiteres Sublabel, das 1992 gegründet wurde.). Wir hatten also immer einen Zweig für diese Musik. Als NovaMute vor einigen Jahren sein natürliches Ende fand (Anm.: 2008.), wollte ich unbedingt wieder die Möglichkeit haben in diesem Bereich zu arbeiten, wenn auch in einem weiteren Sinne. Die Erwartungen sind nun andere, denn es handelt sich um ein sehr breites Genre und Mute ist ohnehin eine Art Multigenrelabel. Wir spürten, dass es einfacher wäre, die Aufmerksamkeit der Leute auf die Veröffentlichungen selbst in der Welt, aus der sie kommen, zu lenken, wenn wir einen eigenständigen Namen und separates Label hätten. Außerdem gibt es eine andere Veröffentlichungspolitik. Wir beabsichtigen je nur ein Werk von einem neuen oder sogar wohlbekannten Künstler herauszubringen und wenn dann ein Album folgen sollte, würden wir wohl zu Mute wechseln oder etwas Anderes tun. Wir möchten hiermit eine Plattform für Experimente sein.

Wird Liberation Technologies geschäftlich ein offizielles Mute-Sublabel sein?
DM: Es ist Teil der Mute Group, aber der Vertrieb, die Promotion und auch die Künstler werden sich unterscheiden. Technisch ist es eigenständig und wird sehr verschieden von Mute sein.

Sein eigentlicher Name stammt aber aus der Mute-Geschichte. Mute Liberation Technologies diente bisher als Oberbegriff für Mutes Internetaktivitäten und Webseite, seit diese 1994 online ging.
DM: Das stimmt. Als die digitale Zeitrechnung im Musikgeschäft begann und das Internet weiter verbreitet wurde, tauchten auch digitale Formate für Videos wie DVD und CDV, letzteres war nebenbei ein wirklich seltsames, auf. Damals brauchten wir einen Dachnamen für unsere digitalen Aktivitäten. Später, mit der digitalen Diversion, begann es offenkundig wenig Sinn zu machen, so etwas zu haben, aber die Webseite lief weiter darunter. Aber da geht es um Mute Liberation Technologies und das hier ist Liberation Technologies.

Liberation technologies wie die Sozialen Medien oder Smartphone-Netzwerke werden als ein Schlüsselaspekt der jüngsten Protestwelle in der arabischen Welt gesehen. Universitäten wie Stanford bieten sogar ganze Programme dazu an. Was ist Ihr Konzept hinter diesem Begriff?
PATRICK O’NEILL: Das ist der Interpretation überlassen. Es ist bloß ein Name, der allerdings von Beginn an ausdrücklich Sinn machte. Mir gefällt, dass er sowohl für die Künstler als auch für Musikkäufer und in jedem anderen Kontext unbegrenzt ist. Jeder interpretiert ihn unterschiedlich.
DM: Es ist ein Ausdruck der Freiheit, zum Teil durch Technologie. Die Werke oder die Aufnahmetechniken können als befreiende Technologien angesehen werden.

Widerspricht Ihre reduktive Veröffentlichungspolitik diesem Begriff nicht?
DM: Nein. Immerhin wird es alle anderthalb Monate eine Veröffentlichung geben, die wir sowohl auf Vinyl als eben auch digital veröffentlichen werden.

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PHOTO: Die erste LT-Künstlerin King Felix – erkannt?

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Die erste EP, Spring, stammt King Felix, einem Alias der New Yorker Produzentin Laurel Halo. Wie haben Sie zusammengefunden?
PO’N: Ich habe sie angesprochen. Sie ist jemand, den ich sehr mag, und wir waren schon länger in Gesprächen. Sie sandte wir mir diese vier Songs und alles machte einfach Sinn. Sie sind anders als ihre Musik als Laurel Halo, also entschieden wir, oder besser: also entschied sie, das unter einem anderen Namen zu veröffentlichen, um den Klang besser zu definieren. Es ist wie bei jedem anderen auf diesem Label auch: Wir sind wirklich aufgeregt, was ihre Arbeit betrifft.

Mit wie vielen Künstlern ist bereits eine Kooperation geplant?
PO’N: Es gibt einige, mit denen ich gesprochen habe, sodass es einige gute weitere Veröffentlichungen neben King Felix geben wird.

Mit Ihrer Reputation muss es recht einfach sein, Künstler für das Label zu gewinnen.
PO’N: Ich bin mir dessen sehr bewusst, dass wir das nicht überstrapazieren. Das Label ist eine neue Entität, etwas komplett Anderes. Seine Stärke muss für sich selbst sprechen. Und viele Künstler, mit denen ich gesprochen habe, begrüßen, was wir hier versuchen. Der Name Mute hat daran natürlich großen Anteil, aber letztendlich erscheint alles auf  Liberation Technologies.
DM: Es muss für sich selbst stehen.

Die jüngere Musikentwicklung wurde vor allem von kleineren Labels mit ein, zwei Köpfen geprägt, die unterschiedlichste Stile in ihrem Label vereinten. Tri Angle, Mexican Summer oder Barron Machat und Travis Woolseys Hippos In Tanks, auf dem Laurel Halo bereits die EP King Felix veröffentlichte, wären da zu nennen. Wird sich Liberation Technologies um ein ähnliches Level an Diversität bemühen?
PO’N: Innerhalb der elektronischen Musik gibt es so viele Optionen und Subgenre. We diese genannten Labels suchen auch wir nur ausschließlich nach progressiver Musik jeder Art. Nur elektronisch muss sie sein.

Die Idee eines geheimen Alias erinnert an eine frühere Mute-Band, ihr Projekt Silicon Teens, Daniel.
DM: Haha, ja, wenn Silicon Teens mein Projekt gewesen wäre … Nein, das hat nichts mit mir zu tun. Es geht lediglich darum, den Künstlern die Freiheit zu experimentieren zu geben. Ich kenne einige Leute, die unter verschiedenen Namen wirklich tolle Sachen veröffentlicht haben, da ist die Idee verortet.

Was ist das Gestaltungskonzept von Liberation Technologies?
PO’N: Ben Drury, über den wir sehr begeistert sind, dass er dabei ist, und den wir sehr respektieren, wird es übernehmen. Er hat eine sehr starke und fortschrittliche Identität für das Label geschaffen, basierend auf Zeichnungen und Grafiken. Es wird zudem einen einzigartigen Sticker für jeden Künstler geben. Das Design, das die Musik präsentiert, ist sehr wichtig für uns. (Anm.: Drury entwarf zuvor Cover für u.a. Dizzee Rascal und UNKLE und arbeitete mit Karl Lagerfeld.)

liberation-technologies-logoWird es ein Corporate Design geben?
DM: Es gibt ein starkes Logo. Daneben haben wir keine Limits oder Restriktionen. Es ist sehr wichtig, diese starke Identität mit dem Logo zu haben, und der einzigartige Sticker wird entweder von der Künstlern selbst oder mit ihrem Einverständnis entworfen.

Wir sprachen bereits über Silicon Teens. Werden auch Sie als Musiker unter einem Alias zurückkehren, Daniel?
DM: Wenn ich die Silicon Teens gewesen wäre, würde ich es… Nein, ich spaße nur. Es ist ein Geheimnis, sie wissen das.

Dann eben mit einem anderen Projekt.
DM: Wer weiß.

Das ist weder ein Ja noch ein Nein.
DM: Korrekt.

Soll Liberation Technologies auch als Kommunikationsmittel zwischen den einzelnen diversen Künstlern fungieren?
PO’N: Für die Leute, mit denen wir zusammenarbeiten wollen, wird es eine andere Form sein. Sie sind alle sehr speziell. Der eine veröffentlicht seit mehr als zehn Jahren Musik, ein anderer debütiert hier. Es wird also definitiv eine Art der Kommunikation zwischen ihnen schaffen, aber ich glaube, das Interessanteste, was das Label anbieten wird, ist ein neuer Kontext.

King Felix Spring EP erscheint als 12″ und digital am 19. März bei Liberation Technologies. Die nächste Veröffentlichung folgt Ende April. Später in 2012 soll es zudem labeleigene Konzerte geben.

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