Liars

Foto: David Black

Süß-giftiges Futter für die Früher-war-alles-besser!-Fraktion: Mit ihrem sechsten Album WIXIW sind Liars unter die Elektroniker gegangen. Auslöser war ein Auftritt neben The Residents und Erasure beim Short Circuit Festival, das ihr Label Mute in London organisiert hatte. »Wir profitierten immer von Mutes großer Bedeutung für die elektronische Musik, ohne etwas dazu beizutragen«, erklärt Sänger Angus Andrew. »Dort waren wir dann die vermeintlichen Oldies mit der archaischen Instrumentierung – und die älteren Künstler waren die Kids, die sich die Technologie zueigen gemacht hatten. Das fühlte sich falsch an.«

Die Liars sahen sich selbst also als Parasiten, auch wenn sie von außen betrachtet bisher doch eher als Zierde, oder besser: als Stachel, im Mute’schen Legendenfleische gelten durften. Jetzt stand ein erneuter Umbruch für die haken schlagenden Querdenker an.

Die Aggression ist abgeklungen auf diesem neuen Album, der Blick nach innen gerichtet. Das Trio erlaubt sich lichte Synthetikmelodien und digitale Ambient-Momente. Hier zwitschern Vögel, dort zerfällt ein Handclap in Stereo auf einer Trommel, an anderer Stelle entwickelt Andrews Stimme im engtunneligen Loop kalte Kapillarkräfte. In ihren manischen Momenten wiederum klingt die Band mitunter wie Von Südenfed, die Zusammenarbeit von Mark E. Smith mit Mouse On Mars, und nicht unbedingt nach dem Mute-Backkatalog. Dazwischen: der erste echte Liars-Hit, das den hörer in sich aufsaugende »No.1 Against The Rush«.

Dabei ist WIXIW – der Titel, formalsprachlich ein Palindrom, ist eine Bejahung des ewigen Wieder-bei-sich-selbst-Ankommens und zugleich, ausgesprochen wird er »wish you«, Ausdruck universeller Wünsche – vor allem ein Album des Zweifels. Angus Andrew und Gitarrist Aaron Hemphill haben die Stücke nicht nur erstmals am Computer, sondern auch gemeinsam geschrieben. Mit unterschiedlichsten Ausgangspositionen: Hemphills Beziehung war gerade gescheitert, Andrew hatte mit Mary Pearson von High Places angebandelt. Zu zweit in einer abgelegenen Waldhütte zeigte dann die Technik die Grenzen der gemeinsamen Sinnsuche auf. »Man beginnt den Tag mit einer zu verwirklichenden Idee, endet aber mit dem Studium einer Gebrauchsanweisung«, erzählt Andrew. »Das war schwer durchzustehen.« Softwaretipps kamen zwar von Mute-Chef und Co-Produzent Daniel Miller, aber die Unsicherheit blieb: »Vollends überzeugt von dieser Arbeitsweise bin ich nicht. Für mich hat sie eher weitere Fragen über die Abhängigkeit von den eigentlichen Sounds aufgeworfen.«

Wenn Andrew somit in »Flood To Flood« »Teach me how to be a person« singt, schwingt dabei nicht nur Hemphills Lebenskrise mit, hier hallt auch die Albumerfahrung in sich selbst nach, das Möbiusband dreht sich weiter. Wenngleich unter anderem Vorzeichen, denn: »Was uns bislang fehlte, war die Gelegenheit, die Leute mal nicht anzuschreien.«

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Liars WIXIW Mute / GoodToGo

Liars live:
23.10. Berlin — Festsaal Kreuzberg
24.10. Heidelberg — Karlstorbahnhof
30.10. München — 59:1
31.10. Wien — Szene
04.11. Köln — Underground
06.11. Hamburg — Hafenklang

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