Das Drama vom Verfall: Feature zum Kinostart von Leviathan

Bestürzend allegorische Sittentragödie im Russland von heute: Andrej Swjaginzews Leviathan ist ab heute auf Großleinwand zu sehen.

Eine der wichtigsten Kinoregeln wurde vom italienischen Regisseur Vittorio de Sica aufgestellt, der viel davon verstand: Je präziser eine Geschichte verwurzelt ist, desto universeller wird sie verstanden. Das Publikum findet sich auch an unbekannten Orten und in entfernten Realitäten zurecht, solange ihm das Milieu und die Figuren stimmig erscheinen. Leviathan, Andrej Swjaginzews bestürzend allegorische Sittentragödie spielt in einer Stadt an der Barentssee im Norden der russischen Föderation. Hätte sie sich auch anderswo zutragen können? Immerhin wurde der Film angeregt durch eine Nachricht aus dem US-Bundesstaat Colorado: Ein Schweißer legte 2004 mit einem Bulldozer das Rathaus und weitere Verwaltungsgebäude in Schutt und Asche, nachdem er enteignet worden war. Der Regisseur entschloss sich, seinen Film doch in seiner russischen Heimat anzusiedeln, was weitreichende erzählerische Konsequenzen hat. Leviathan zeichnet das scharf gestochene Bild einer modernen Feudalgesellschaft mit unangefochten vertikalen Machtstrukturen.

Sein Protagonist Kolia will sich gegen die Enteignung des Hauses zur Wehr setzen, in dem seine Familie seit Generationen lebt. Ein alter Freund aus der Militärzeit, der nun ein mit allen Hauptstadtwassern gewaschener Anwalt ist, soll ihm im Streit mit dem korrupten Bürgermeister helfen. Eine Akte mit brisanten Enthüllungen über dessen Machenschaften soll die Wende bringen. Doch alles gerät aus dem Ruder. Kolia, der zunächst wie ein streitbarer Michael Kohlhaas erscheint, verwandelt sich in einen modernen Hiob, der im Kampf gegen die Willkür des Systems alles verliert. Für dessen Allmacht wählt Swjaginzew, in der Nachfolge des englischen Philosophen Thomas Hobbes, die Metapher des mythischen Seeungeheuers Leviathan.

Die mit derlei Anspielungsreichtum und Bildmacht gewappnete Gesellschaftskritik stößt in Russland auf heftige, bezeichnende Ablehnung. Der Kulturminister, dessen Behörde ein Drittel des Budgets beisteuerte, empört sich über das Klima existenzieller Verzweiflung, das der Film zeichnet, und schimpft ihn unrussisch. Die orthodoxe Kirche fühlt sich von ihm beleidigt, und die Stadtverwaltung des Drehortes sieht dessen Bevölkerung als Rotte depressiver Trinker verleumdet. Swjaginzew hat einen lokalen Nerv getroffen und zugleich einen Film gedreht, der weltweit verstanden wird. In Cannes wurde sein Drehbuch ausgezeichnet, er gewann einen Golden Globe und wurde für den Auslands-Oscar nominiert.

In einem Punkt darf man dem Kulturminister beipflichten: Die Atmosphäre der Aussichtslosigkeit ist bezwingend. Swjaginzew filmt sein Verfallsdrama mit schwermütiger Dringlichkeit. Die Wehrhaftigkeit, die aus der amerikanischen Vorlage sprach, verwandelt sich in wodkageschwängerte, zuweilen höchst erheiternde Depression. Der Film folgt einer Dramaturgie spannungsvoller Lähmung. Entscheidende Ereignisse geschehen im Off, entziehen sich dem Zugriff des Protagonisten. Oft verharrt die Kamera an den Orten, nachdem die Würfel längst gefallen sind, mitunter unternimmt sie gar Heranfahrten an die Leere. Der Landschaft ist es einerlei, welches Schicksal ihre Bewohner ereilt.

Leviathan
RUS 2014
Regie: Andrej Swjaginzew
Mit Aleksei Serebriakow, Elena Ljadowa, Wladimir Wdowitschenkow u. a.

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