Letzte Klappe für Venedig

Foto: Abluka (Frenzy) / Mehmet Ozgur

Das Fazit nach den elftägigen Filmfestspielen am Lido: viel Cinéma engagé, wenig Innovatives und eine große Überraschung bei der Preisverleihung.

Dissens am Lido: Die Besucher der Filmfestspiele von Venedig teilten sich im Jahr 2015 in zwei Lager. Die einen waren zutiefst enttäuscht vom 72. Jahrgang, den viele als bislang schwächsten bezeichnen. Beklagt wurde, abgesehen von wenigen Ausnahmen, die Einfallslosigkeit der Filmemacher und ihre Nähe zur US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Die andere Fraktion vermisste zwar ebenfalls den großen Wurf, was revolutionäre Erzählstrategien anbelangt, lobte dafür aber den großen Aktualitätsbezug der Beiträge. Erneut stellt sich die altbekannte Frage: Was muss Kino leisten?

Wer die Ansicht vertritt, dass Filmemacher eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber haben, dürfte dieses Jahr zufrieden gewesen sein. Ein Großteil der Filme verhandelte Probleme, die die Menschheit aktuell oder auch schon seit langer Zeit umtreiben: den Terror, die Nachwehen von 9/11, den Holocaust, die globalen Flüchtlingsströme. Letztere fanden schon in die Eröffnungszeremonie Eingang.

Jury-Präsident Alfonso Cuarón, dessen Film Gravity 2013 in Venedig Premiere feierte und sieben Oscars gewann, appellierte an die Gastfreundschaft Europas: »Als Mexikaner lebe ich schon lange in Europa und habe mich immer willkommen gefühlt. Ich wünsche mir, dass diese Gastfreundschaft auch allen Flüchtlingen zuteil wird.« In die Debatte mischte sich auch Tilda Swinton ein, die am Lido in Luca Guadagninos A Bigger Splash zu sehen war und die Inflation des negativ konnotierten Begriffs »Migranten« kritisierte. »Wir haben es hier ganz klar mit Kriegsflüchtlingen zu tun«, sagte sie.

A_Bigger_Splash_courtesy_Paolo_RoversiFoto: A Bigger Splash / Paolo Rover

A Bigger Splash ist ein Remake des Films La Piscine von Regisseur Jacques Deray aus dem Jahr 1969 mit Alain Delon, Romy Schneider und Jane Birkin in den Hauptrollen. Guadagnino hat seine Version auf der italienischen Insel Pantelleria angesiedelt, die nicht weit von Lampedusa entfernt ist. Die vier Protagonisten, ein gealterter Rockstar, ein Produzent und ihre Partnerinnen, sind sehr mit sich selbst beschäftigt. Die Fernsehnachrichten reißen sie für kurze Zeit aus ihrer Egozentrik, wird darin doch über Flüchtlinge berichtet, die sich buchstäblich vor ihrer Haustür befinden. »Pantelleria ist eine Art Grenzstation. Sie zwingt meine Figuren, sich mit ethischen Fragen auseinanderzusetzen«, sagte der Regisseur bei der Pressekonferenz.

Auch der britische Regisseur Tom Hooper äußerte sich zur Flüchtlingskrise: »Wir leben in einer zutiefst gespaltenen Welt. Was sich zurzeit an den Mittelmeerstränden abspielt, ist ein direkter Appell an unsere Herzen.« Hoopers Wettbewerbsbeitrag The Danish Girl hat mit Flüchtlingen nichts zu tun, sehr wohl aber mit der Erfahrung, ausgegrenzt zu sein. Der Regisseur erzählt die wahre Geschichte Einar Wegeners, der sich 1930 vermutlich als erster Patient weltweit einer Geschlechtsumwandlung unterzog und unter dem Namen Lili Elbe lebte. Hoopers Film war mit Spannung erwartet worden, das Ergebnis war für ein Autorenfilmfestival allerdings enttäuschend. The Danish Girl drückt mit Hilfe des von Alexandre Desplat komponierten Soundtracks zu sehr auf die Tränendrüse, die Erzählweise ist mehr als gewöhnlich, ein beherzter Schnitt hätte dem zweistündigen Streifen gut getan. Trotzdem wird der Film bereits als Oscar-Favorit gehandelt und gewann in Venedig den Queer-Löwen.

Tom_Hooper_The_Danish_Girl_Universal_PicturesFoto: Tom Hooper bei Dreharbeiten zu The Danish Girl / Universal Pictures

Es gab noch einige weitere Filme über politisch stark aufgeladene Themen, unter anderem die Preisträger Beasts Of No Nation von Cary Fukunaga (bester Nachwuchsdarsteller: Abraham Attah), Abluka (Frenzy) von Emin Alper (Spezialpreis der Jury) und The Childhood Of A Leader (bestes Regiedebüt: Brady Corbet). Die Entscheidung für den Gewinner des Goldenen Löwen, Desde Allá vom venezolanischen Regisseur Lorenzo Vigas, löste am Lido großes Erstaunen aus. Es ist begrüßenswert, dass der Blick über den europäisch-nordamerikanischen Tellerrand hinausgeht – Desde Allá holte den ersten Goldenen Löwen überhaupt nach Südamerika –, und es zeigt sich einmal mehr, dass politische Kriterien bei der Preisvergabe auf Filmfestivals aktuell eine große Rolle spielen (wie man auch bei der diesjährigen Berlinale und Jafar Panahis Gewinnerbeitrag Taxi Teheran beobachten konnte). Der künstlerische Aspekt ist bei Desde Allá – milde ausgedrückt – allerdings nur rudimentär vorhanden.

Dass Desde Allá eine homosexuelle Liebesbeziehung aufgreift, ist interessant, wenn auch nicht mehr außergewöhnlich. Den Plot entspinnt Vigas auf plumpe Weise und mit fragwürdiger Kameraführung (eine wohl gut gemeinte verschwommene Sicht, gedacht als Einblick in die Perspektive des Protagonisten, entpuppt sich als zunehmend störend), das langsame Erzähltempo macht es zusätzlich schwer, dem Film bis zum Ende zu folgen. Gelungener ist El Clan von Pablo Trapero, der argentinische Gewinner des Silbernen Löwen. Im Mittelpunkt steht die Familie Puccio, die Argentinien in den Achtzigerjahren mit mehreren Entführungen und Morden in Schrecken versetzte. Dort läuft der von den Almodóvar-Brüdern produzierte Film bereits seit mehreren Wochen sehr erfolgreich in den Kinos. Jury-Präsident Cuarón sah sich mit dem Vorwurf der Parteilichkeit konfrontiert, den er naturgemäß abwehrte: Sein Einfluss sei »nicht größer als der des Königs von Schweden«, sagte er.

Einen Gegentrend zum politisch engagierten Kino bildeten Filme, die auch dem Unterhaltungsanspruch eine klare Absage erteilen. Gelungene Beispiele waren Gabriel Mascaros Boi Neon (Neon Bull), Jerzy Skolimowskis 11 Minutes, Frederick Wisemans In Jackson Heights und das multimediale Puzzle Heart Of A Dog von Laurie Anderson. Während Mascaros Film verdientermaßen den Spezialpreis der Orizzonti-Jury gewann, einer jungen Filmemachern vorbehaltene Nebenkategorie, gingen die anderen Filme zur großen Enttäuschung der etwas experimentierfreudigeren Festivalbesucher leer aus.

Der Animationsfilm Anomalisa von Charlie Kaufman und Duke Johnson versöhnte die beiden Lager: Inhaltlich ist er klar dem Unterhaltungskino zuzurechnen, allerdings ist die Entscheidung der Regisseure, die Geschichte mit Hilfe der Stop-Motion-Technik und mit einem besonderen Einsatz von Klängen und Stimmen zu erzählen, durchaus innovativ. Anomalisa wurde zu Recht mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Er hätte auch den Hauptpreis verdient.

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