Let’s Eat Grandma „I’m All Ears“ / Review

I’m All Ears geht weit über das Klangspektrum des ersten Let’s-Eat-Grandma-Albums hinaus und emanzipiert sich von den mittelalterlichen Häusern und Kathedralen ihrer Heimatstadt Norwich.

Pastellfarbener Blouson, Hoodie, Jeansjacke, kariertes Jackett oder roter Pullover mit Reißverschluss. Dazu offen getragene, lange Haare. So präsentieren sich Let’s Eat Grandma auf Fotos zu ihrem zweiten Album I’m All Ears. Sie pflegen damit eine modische Anti-Ästhetik, die durch graue, halb abgerissene Hochhaussiedlungen im Hintergrund gerahmt wird. Kein Lächeln ist auf ihren Gesichtern zu sehen, keine überzogenen Gesten.

Die Technik-Obsession des duos scheint zuweilen übermütig.

Rosa Walton und Jenny Hollingworth sind keine Teenager mehr wie zu Zeiten von I, Gemini, ihrem 2016 erschienenen Debütalbum. Die Strampler aus dem Video zur dazugehörigen Single „Sax In The City“ wurden ebenfalls abgelegt. Sie sind nun vollends in der letzten Phase der Adoleszenz angekommen, die am besten mit einer gehörigen Portion Coolness bestritten wird. Darum bemühen sie sich auch musikalisch: I’m All Ears geht weit über das Klangspektrum des ersten Albums hinaus und emanzipiert sich damit deutlich von den mittelalterlichen Häusern und Kathedralen ihrer Heimatstadt Norwich im Osten Englands.

Dafür verantwortlich ist die Technik-Obsession des Duos, die zuweilen übermütig scheint, jedoch niemals aufdringlich wirkt. Zur Absicherung der coolen Pose wurden David Wrench, Faris Badwan und Sophie für einzelne Tracks verpflichtet. Die Produzentin aus L.A. steht für einen artifiziell-kinetischen Sound, den sie bei dem aggressiv-fordernden „Hot Pink“ demonstriert, indem sie die technische Bandbreite eines Synthesizers ausreizt und damit die vereisten Stimmen von Walton und Hollingworth begleitet. Die behalten ihre kühle Pose auch dann, wenn sie mit reduziert eingesetzten Gitarren Indiepop-Songs vorlegen. Ohne Gefühl geht’s aber nicht, wie die Texte oder das zart wirkende Albumcover zeigen. Auf I’m All Ears dominiert jedoch ein hypermodernes Spiel mit Sounds und Effekten – stellvertretend für die Widersprüche des jungen Lebens.

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