„Leto“ – Filmfeature zum Kinostart

Weiß man um die Situation des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikov, erhält sein manchmal fast zu schwelgerische Film Leto über die Popmusikszene im Russland der Achtzigerjahre eine ernste Note: Denn als einer der international bekanntesten Filmemacher steht Serebrennikov seit zwei Jahren in Moskau unter Hausarrest. 

„Leto“ ist das russische Wort für Sommer. Der flutet in dicken Strahlen ein Waldstück am Meer, fällt auf zwei Jungs mit Gitarren auf dem Rücken, die durch immer lichtere Baumreihen laufen, hin zum Strand. Dort in den Dünen tanzen ein paar Jugendliche, moldawischen Roten im Glas, dicke Selbstgerollte im Mundstück. In ihrer Mitte klampft Mike Naumenko, Sänger von Zoopark, auf seiner Gitarre die passende Ballade dazu. Dann stellt sich ein Kerl in Lederjacke vor, Wiktor Zoi, der dank Mikes Hilfe später mit der Band Kino extrem erfolgreich sein wird. Es ist das erste Treffen der zwei großen, subversiven Helden dieser kurzen sowjetischen Popgeschichte, irgendwo am Meer in der Nähe von Leningrad, Anfang der Achtzigerjahre, im letzten Leto vor der Perestroika.

Als Regisseur Kirill Serebrennikow mit den Dreharbeiten zu Leto begann, sollte es eine Hommage an diese beiden Musiker werden. Sie hatten einst den Pop von Lou Reed und David Bowie, T. Rex und den Talking Heads in die restriktiven Rock-Clubs der Sowjetunion geschleust. Kein präzises Biopic, sondern Lebensgefühl und Freiheitsdrang dieser Jugendbewegung hinter dem Eisernen Vorhang sollte Leto einfangen. Nur: Seit Ende 2017, also noch vor Abschluss des Films, steht Serebrennikow, Chef des Moskauer Gogolcenters und einer der international erfolgreichsten russischen Opernregisseure, selbst unter Hausarrest und darf Moskau nicht verlassen. Beim Schauen bekommt dieser eigentlich harmlose, manchmal fast zu schwelgerische Film, der um eine Dreiecksgeschichte zwischen Wiktor, Mike und dessen Frau Natascha kreist, eine bittere Note. Und die Popsongs wie „The Passenger“ oder „Psycho Killer“, die hier als Musicalpassagen mit den Szenen verwoben sind, sind nicht mehr bloß formal-ästhetische Eskapaden Serbrennikows, sondern klingen wie Durchhalteparolen – heute, im Herbst der Perestroika.

Leto
Russland, Frankreich 2017
Regie — Kirill Serebrennikov
Mit Roman Bilyk, Irina Starshenbaum, Teo Yoo u.a.

Diese Filmkritik ist auch in SPEX No. 383 erschienen. Das Heft ist versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar. 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.