Les Sins Michael

Längst viel weiter: Mit Michael legt Chaz Bundick alias Toro Y Moi alias Les Sins einen großen Clubmusikentwurf jenseits der Chillwave-Schublade vor.

Erinnert sich noch jemand an Chillwave? Damals, so um das Jahr 2010 herum, war im Internet einige Monate lang jener von Shoegaze und Eighties-Pop beeinflusste Schluffi-Sound ein großes Thema. Im selben Moment wurde die Welt auf die Einmannband Toro Y Moi aufmerksam, weswegen seither jedes Mal, wenn von Toro Y Moi alias Chaz Bundick die Rede ist, der Begriff Chillwave fällt. Doch Bundick ist längst weiter. Zuletzt war der studierte Grafikdesigner aus Columbia, South Carolina, auf der Suche nach dem ganz großen Popentwurf, einem Entwurf, der J. Dilla und Soul fest umarmt.

Aufgewachsen ist Bundick mit dem Internet und einem unermesslichen Fundus an Musik. In einem Interview erzählte er, dass seine Musiksammlung damals 700 GB auf seiner Festplatte belegte. Er bezeichnete sich als »Produkt einer Generation, die etwas hört, es in sich aufsaugt, um sogleich weiterzuziehen«. Um weitere musikalische Horizonte zu erschließen, rief er das Zweitprojekt Les Sins ins Leben. Unter diesem Namen hat Bundick in den letzten Jahren zwei Maxis auf Jiaolong veröffentlicht, dem Label von Dan Snaith alias Caribou. Schon mit Toro Y Moi hat Chaz Bundick seine verträumten Indiepopsongs häufig mit den Mitteln von House oder HipHop inszeniert. Seine zumeist instrumentalen Tracks als Les Sins knüpfen einerseits direkt daran an, streichen andererseits die Popelemente weitgehend aus dem Programm. Auf dem Les-Sins-Debütalbum Michael präzisiert der heute im kalifornischen Berkeley lebende Produzent nun sein Verständnis von Clubmusik. Mit der kam er als Teenager via Daft Punk und Digitalism in Kontakt. Heute bewundert er Motor City Drum Ensemble und Four Tet.

Doch House-Musik im strengen Sinne ist es nicht, was Bundick umtreibt. Er will sogar bewusst aus dem Tempo- und Beat-Korsett von House ausbrechen. Die elf Tracks auf Michael sind ein Amalgam aus dem französischen House der späten Neunzigerjahre, Cut-up-Funk im Sinne von Mr. Oizo, der UK-Breakbeat-Schule zwischen Frühneunziger-Proto-Jungle, UK-Garage und Bassmusik, schwebenden 808-Bassdrums, Chicago-Juke-Sounds, digitalem P-Funk und Disco-Samples sowie Timbaland-R’n’B und klaren HipHop-Verweisen, so enthält das Eröffnungsstück »Talk About« zum Beispiel ein Sample aus dem Nas-Klassiker »One Love«. Funktionale DJ-Musik ist es nicht, was in diesen meist vergleichsweise kurzen Tracks formuliert wird. Michael ist ein Album, das immer wieder musikalische Pirouetten dreht und in seiner unbändigen Agilität durch und durch kurzweilig ist. Ein Headspin im Kopf.

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