Les Savy Fav, Anti-Profis im Progress

Sechs Jahre vergingen, seitdem Les Savy Fav ihr letztes Studioalbum »Go Forth« in die Welt schickten. Abgeschrieben waren sie dennoch nicht. Ihr zeitloser Sound aus Artrock, Postpunk und Hardcore, fand viele Bewunderer und Nachahmer. Legenden ranken sich auch um die Live-Shows der Band: Es kann vorkommen, dass Sänger Tim Harrington in Unterhosen die Bar entert, sich einen kräftigen Schluck Schnaps direkt aus dem Spender gönnt, während Gitarrist Seth Jabour unbeirrt sein Solo zockt. Das gelebte Rock&Roll-Klischee, zu diesem Schluss könnte man also kommen.  Dabei kann man auf Les Savy Fav-Konzerten doch durchaus den Eindruck bekommen, einer Kunst-Performance beizuwohnen.

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    Kunst ist es auch, von dem alle Mitglieder seit Jahren leben: Harrington baute mit seiner Frau das kleine Modelabel Deadly Squire auf, Jabour arbeitet als Designer bei einer Parfumfirma, Schlagzeuger Harrison Haynes eröffnete eine Galerie und Syd Butler, der Bassist, schmeißt schon seit Jahren das kleine Independent-Label French Kiss Records. Warum aber ließen sie den Popularitätsschub, den ihnen »Go Forth« brachte, ungenutzt verpuffen? »Die Band hatte einfach keinen Bock«, begründet Sänger Tim Harrington und wirkt dabei weder gelangweilt noch überheblich. »Wir waren damit beschäftigt, die Band mit unseren ganzen anderen Lebensbereichen zu vereinbaren. Außerdem wollten wir unser ›Inches‹-Projekt vollenden, das wir schon begannen, als wir uns an der Rhode Island School of Design kennenlernten.«

Diese neun Singles umfassende 7-Inch-Sammlung war das einzige, dem Fans in den letzten Jahren nachjagen konnten. Kurz nachdem der letzte Teil erschienen war, zog Harrison Haynes nach North Carolina, und erstickte damit die Hoffnung auf neues Studiomaterial vollends. Umso erstaunlicher ist es, dass dieser Tage mit »Let’s Stay Friends« ein neues Studioalbum erscheint, das nicht nur die Band eint, sondern auch mit interessanten Gästen auffährt. Emily Haines, Modest Mouse-Drummer Joe Plummer, die Band Enon, Fiery Furnaces-Sängerin Eleanor Friedberger und andere sind darauf zu hören. »Die Idee, eine neue Platte zu machen, war schon lange da und beschäftigte uns auch noch, als Harrison wegzog«, meint Harrington. »Wir sind aber nicht die Art von Band, die sich gegenseitig Files zuschickt und in Telefonkonferenzen über die Songs debattiert. Also nahmen wir uns Zeit und trafen uns alle in New York. Wir wollten uns selbst unter Kontrolle bekommen und die alten Muster und Gewohnheiten ablegen. Der Plan war, den Motor dieser alten Band offenzulegen. Nun kommt es uns allen so vor, als hätten wir ein Moped zu einer Limousine umgebaut.«

Was bedeutet das in musikalischer Hinsicht?
    Tim Harrington: Wenn man alle unsere Platten in einer Reihe betrachtet, fällt auf, dass die Improvisationen im Studio stetig zugenommen haben. Les Savy Fav sind zwar von Natur aus eine Band, die live viel improvisiert, im Studio war das allerdings oft anders. »Go Forth« war der Versuch einer Platte, die zwar live exakt reproduzierbar ist, uns aber gerade dadurch größtmögliche Freiheiten der Improvisation gibt. Die Songs für unser erstes Album »3/5« entstanden über einen sehr langen Zeitraum als wir zu unser Schulzeit zusammen rumhingen. Wir tourten mit diesen Songs zwei Jahre lang und gingen erst hinterher ins Studio. Dass wir die Stücke dann schon hunderte Male gespielt hatten, verkomplizierte die Sache für uns, denn wir hatten für jeden Song einen Idealklang im Kopf, der uns bei höchstens einem der unzähligen Konzerte gelang.

Ihr seid also Perfektionisten?
    Tim: Damals waren wir es. Aber für »Let’s Stay Friends« haben wir versucht, locker zu bleiben. Wir gingen mit einem grob ausgearbeiteten Plan ins Studio, dafür mit sehr hohem Vertrauen in unsere Instinkte. Meistens waren wir mit dem ersten Take eines Songs zufrieden. Früher sind wir Studioaufnahmen sehr bewusst und mit viel Planung angegangen, diesmal haben wir versucht auch unser Unterbewusstsein zum Klingen zu bringen. Wir haben auf unsere Erfahrung aus den letzten zehn Jahren vertraut.

Funktionierte das auch mit den vielen Gästen?
    Tim: Ja, gerade sie halfen uns dabei. Es sind alles Leute, mit denen wir befreundet sind. Die vielen Features waren von Anfang an Teil der Idee. Auch der Albumtitel stand schon sehr früh fest. Er passt sehr gut zu unserem neuen Selbstverständnis als Anti-Profis, das wir seit »Go Forth« entwickelt haben. Wir wollten mit unseren Konventionen brechen, mit dem was für uns normal klingt und welche Soundstrukturen bisher möglich waren. Ich fand die Idee aufregend auf der Platte nicht alles selbst zu singen, sondern die Texte zu schreiben und die passenden Stimmen dafür auszuwählen.


VIDEO: Les Savy Fav – The Equestrian
Haben die Gäste auch Songs geschrieben?
    Tim: Andrew Reuland, mit dem wir bereits befreundet sind seitdem wir die Band gründeten, spielt in einigen Songs Gitarre und war auch am Songwriting beteiligt. Die anderen Gäste kamen spontan vorbei, wir ließen sie dann einfach machen. In den meisten Fällen gab es schon einen Track, zu dem sie dann spielen konnten was sie wollten. Joe Plummer kam einfach zu uns ins Studio und trommelte drauflos. Er ist der Drummer von Modest Mouse und The Black Heart Procession, ich kann und muss ihm nichts erklären.

Wie empfandet ihr die Arbeitsatmosphäre?
    Tim: Es war wunderbar. Die Leute waren in der Stadt, hatten Zeit und Lust und schauten eben vorbei. Freunde, die uns besuchen und mit uns rumhängen wollen. Wenn sie Lust haben Musik zu machen, sind wir dabei. Diese vertraute Atmosphäre half uns auch lockerer an die Aufnahmen heranzugehen. Es war eine Spontaneität spürbar, die man der Platte anhört. Wir fragten zum Beispiel John Schmersal, den Gitarristen und Sänger von Enon, ob er zu einem Song Vocals beisteuern wollte. Da Enon am Vorabend eine Show in New York spielten, kam die ganze Band zu uns ins Studio. Wir spielten einige andere Stücke und später ergab es sich, dass Enons Bassistin und Sängerin Toko Yasuda auf »Kiss, Kiss Is Getting Old« singt oder ihr Drummer Matt Schulz bei »The Year Before The Year 2000« trommelt. Am Ende haben alle Enon-Mitglieder bei »Let’s Stay Friends« mitgemacht. Wir hatten einfach eine tolle Zeit.

Und darum scheint es ja in dem ganzen Album zu gehen: eine tolle Zeit mit Freunden zu haben.
    Tim: Völlig richtig. Durch diesen Aspekt der Freundschaft in unserer Musik, kommt wieder die Idee des Anti-Professionellen zum Vorschein. Freundschaft ist etwas sehr Antiprofessionelles. Um ein guter Freund zu sein muss man regelrecht unvollkommen sein. Dadurch entstehen Kanten und Reibungen, Reibungen erzeugen Wärme, freundschaftliche Wärme. Und Wärme ist Energie. Diese Energie wollten wir nutzen. Wir wussten, dass man diese Atmosphäre der Freundschaft den Songs anhören wird. Wenn Freunde dabei sind fühlt man sich einfach anders.

Ihr habt also euer künstlerisches Ego, das nach Professionalität strebt, zugunsten des Community-Gedankens zurückgenommen?
    Tim: Ja, so könnte man das sagen. Wobei Professionaliät in der Musik ja nicht grundsätzlich schlecht ist. Das derzeitige Klima in der Popmusik ist doch eher ein professionelles. Heute haben Bands viel mehr Möglichkeiten professionell zu sein als noch vor zehn Jahren: die ganzen Pro-Tools, die Kommunikationsmöglichkeiten über das Internet, die Vernetzung. Dabei haben die meisten dieser Bands nicht den inneren Zusammenhalt, den sie hätten haben müssten, wenn sie vor zehn Jahren begonnen hätten.

Vor zehn Jahren begann eure Karriere. War es damals einfacher für eine Band, innerern Zusammenhalt aufzubauen?
    Tim: Ich denke schon. Vor zehn Jahren konnten Bands beispielsweise nicht auf das Internet als Projektionsfläche zurückgreifen. Natürlich gab es andere Formen der Vernetzung, aber um wirklich einen Zugang zu anderen Szenen zu haben und sich als Band repräsentieren zu können, musste der ganze Haufen in den Van steigen und dort hin fahren. Es gab also nur eine physische Art der Repräsentation und die war nur glaubwürdig, wenn die Band als geschlossene Gemeinschaft auftrat.

Seht ihr darin nur Nachteile?
    Syd Butler: Nein, natürlich nicht. Gerade ich als Labelmacher weiß das Internet als Promotion- und Marketingtool sehr zu schätzen und auch Les Savy Fav verschließen sich nicht davor. Trotzdem bin ich froh auch andere Zeiten erlebt zu haben. Als wir als junge Band auf Tour gingen, dann war das Konsequenz. Es trieb uns fort, wir suchten nach dem Unbekannten, nach einer Art Gefahr, denn wir wussten nicht wie unsere Musik in anderen Städten aufgenommen wird. Das waren echte Erfahrungen des ungeschönten Lebens. Es kam vor, dass bei Konzerten Skinheads auftauchten, die uns auf die Fresse hauen wollten. Genauso konnte es passieren, dass uns wildfremde Menschen vor Begeisterung umarmten. Solche extremen Energien sind sicherlich seltener geworden. Die Besucher eines Konzertes wissen so gut wie immer was sie erwartet. Man kann sich alles auf MySpace anhören, dadurch entsteht aber auch eine Distanz zwischen Publikum und Band. Es scheint, als ob sich die Energie des Publikums in dieser kalten, sterilen Virtualität erschöpft.

Das neue Album »Let’s Stay Friends« von Les Savy Fav ist bereits erschienen (French Kiss Records / Cooperative Music / Universal Music). In den nächsten Tagen sind Les Savy Fav für zwei rare Konzerte in Deutschland unterwegs, die Termine:
23.10. Berlin – Festsaal Kreuzberg
24.10. Hamburg – Uebel und Gefährlich

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