Leonard Cohen „You Want It Darker“ / Review

„Derzeit herrscht ja ein bisschen Angst um diese alten Musikerlegenden“, schrieb Rita Argauer für Spex No. 371. Nur kurz nach der Veröffentlichung von You Want It Darker ist Leonard Cohen im Alter von 82 Jahren gestorben.

Leonard Cohen war in gewisser Hinsicht schon immer dieser Düsternis-Chansonnier, in den sich der alternde Blixa Bargeld vom spindeldürren Ghost-Punker verwandelte und als der er aktuell durchaus mit gewisser Würde die grauenhafte Form der Best-Of-Konzerte absolviert. Cohen braucht so eine Wandlung nie. Nun verspricht er seinem tatsächlich erst 14. Studioalbum schon im Titel: You Want It Darker – es geht also noch mehr. Warum auch nicht? Cohens Stimme ist ihm im Alter sowieso noch ein paar Stufen nach unten gerutscht und seine altbekannte Lo-Fi-Heiligkeit nähert sich mittlerweile immer mehr seinem Erscheinungsbild an.

„I’m ready my lord“ – Nach Cohens Tod klingt diese Ankündigung weit weniger pathetisch als noch vor ein paar Wochen.

You Want It Darker beginnt mit dem titelgebenden Track, ein modern-schwelender Beat, sakrale Orgeln, schwellende Background-Gesänge und ein Cohen, der mehr erzählt als singt. Das verfängt sich dann auf den Satz „I’m ready my lord“ – und zu welchem Herren hier auch immer gesprochen wird, die Pathos-Bombe sitzt. Der Opener ist dennoch der modernste Song des Albums, das folgende „Treaty“ ein versonnen-vergangenes Geister-Stück mit reduzierten und leicht ins Pentatonisch-Bluesige kippenden Klavierlinien, Orgeln und Streichern. Das führt geradewegs in die Americana-Ecke: Etwa „On The Level“, ein Duett im wiegenden Sechsachteltakt, in dem Cohen verlauten lässt, er habe sowohl dem Teufel als auch den Engeln den Rücken gekehrt, das wie eine skelettierte und geschwärzte Version der Eheleute June Carter und Johnny Cash klingt.

Schließlich wendet sich Cohen Osteuropa zu. Das ist insoweit passend, da dieser Teil Europas auf dem amerikanischen Kontinent sowieso als dunkel-verschattet mystifiziert wird – und noch weniger von der ewigen Balkanparty versaut ist, die in Europa seit einigen Jahren gefeiert wird. Also klagen die Geigen und vibrieren die Balalaikas in Songs wie „Traveling Light“, gefolgt von „It Seemed The Better Way“ – einem reduzierten Abgesang auf die Konstanz einer allgemeingültigen Wahrheit. Und spätestens da hebt man dann doch das darin besungene „glass of blood“ und versinkt im Kopfkino des bisweilen etwas kitschigen Malstroms wohlig-selbstgerechter Düsternis. Bei der ungarischen Legendengräfin Bathory gilt der Bluttrank immerhin als Garant ewiger Jugend – keine Angst also.

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