Leonard Cohen Popular Problems

Selbstgefällig singt Leonard Cohen auf seinem neuen Album Popular Problems Variationen seiner auserforschten Themen vor einem klangbiederen Hintergrund.

Mister Cohen, what the fuck? Man hat sich inzwischen gewöhnt an die großväterliche Version des Sängers und Songwriters, die seit 2010 zu Greatest-Hits-Konzerten auf die Bühne joggt, einen schlüpfrigen Witz pro Show macht und zweimal die hoch dekorierte Band vorstellt, die den Laden viel zu sehr zusammenhält, erst vor und dann noch mal nach der Pause. Man hat sich auch eingerichtet mit den Platten, die seit 1979 eigentlich alle problematisch waren, aber immer auch interessante Aufgabenstellungen vorbereitet hatten, zum Beispiel die Aussöhnung des vermeintlich zur Echtheit und Ehrlichkeit verpflichteten Troubadours mit seinem zunehmend ausgepumpten Synthetiksound. Selbst Cohens Stimme, von der nur noch die Ränder übrig sind, entwickelte auf Old Ideas (2012) zuletzt eine gewisse Songdienlichkeit.

Popular Problems nun joggt nicht, es schleicht heran. »Slow« ist ein Zehenspitzenblues und Zeitverlangsamer, der Song bewegt sich so gemächlich, dass man jede gespielte Note in höchstmöglicher Auflösung auskosten kann. Oder muss. Die Musikalität und die Schöngeisterei des 13. Leonard-Cohen-Albums sind diesmal das Wichtigste überhaupt, sie stehen allerdings einer Klangbiederkeit gegenüber, die es so ausgeprägt auch noch nicht gab. Der Bass produziert genug Wärme für den nächsten Winter, die Streicher spielen so schön alleine, alles ist voller Fills und kleiner Kunststücke. Man will das ganze Zeug kurz und klein hacken.

Cohen lässt einen dazu seine Stimme spüren. Sie ist noch brüchiger geworden und wäre phasenweise kaum mehr von Tom Waits’ Theaterknurren zu unterscheiden, würde Popular Problems nicht so großen Wert auf absolute Sauberkeit legen und sie ständig mit den alle Löcher stopfenden Vocals der Webb Sisters umgeben, Cohens Backgroundsängerinnen seit 2008. Vom windschiefen Folk seiner ganz frühen Alben bleiben so nur die Erinnerungen, vom koketten learning by doing der späteren Keyboard- und Drum-Machine-Platten ist noch weniger übrig. Wäre nicht schlimm, wenn Popular Problems eine eigene Richtung hätte. Das Album aber gefällt sich dafür zu sehr als Sammlung selbstironischer Bonmots. Cohen singt Variationen seiner auserforschten Themen, nichts, wofür er sich über Zimmertemperatur aufwärmen müsste. Von seinen vielen Gesichtern, denen er auch in den letzten Jahren immer noch weitere hinzugefügt hatte, ist das aktuelle deshalb das unvorteilhafteste. Es lässt ihn deutlich älter aussehen als er ist.

3 KOMMENTARE

  1. Was ist schon von einem Kritiker zu erwarten, der es noch nicht einmal für nötig hält, die Credits des Albums zu lesen. Von den Webb Sisters ist jedenfalls kein Ton auf dem Album zu hören…

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