Le1f »Riot Boi« / Review

Hier werden andere Maßstäbe angelegt als wir sie sonst im Prahlgeschäft des Rap zu hören bekommen: Le1fs Goldkette ist ein Sandwich für sieben Dollar, sein Maybach ein vor geschenkten Designerkleidern platzendes Schlafzimmer.

Drei Jahre ist es her, dass der Rapper und Produzent Le1f erstmals international von sich reden machte. Frank Ocean, Azealia Banks und Kreayshawn hatten sich gerade zu gleichgeschlechtlicher Liebe bekannt; in New York florierte eine Untergrundszene, in der eine Handvoll von Cam’ron, Lil’ Kim und Busta Rhymes inspirierter queerer Musikerinnen HipHop mit Punk, Industrial und den härteren Beats der voguenden Ballroom Culture vermischte. Alles ging. Und unter dem unsäglich gelabelten Banner »Queer Rap« schickten Medien landauf, landab anschließend Mykki Blanco, Zebra Katz & Co. auf einen Feldzug gegen den heteronormativen Macho-Rap-Mainstream. Ob die nun wollten oder nicht.

Le1f, bürgerlicher Name: Khalif Diouf, war mit seinem Mixtape Dark York mittendrin. Dabei ging es ihm nie um Szenenabgrenzung: Er versuchte, in die sogenannte Freshman Class des HipHop-Magazins XXL zu gelangen. Er trat vor einem Millionenpublikum bei David Letterman auf, um sich anschließend in Kommentaren von YouTube-Chauvis sagen zu lassen, dass man(n) im Rock kein »echter« Rapper sein könne. Im Gegenzug muss er sich seither in jedem zweiten Interview die Frage stellen lassen, »wie das denn so sei«, als schwuler Rapper.

Es dürfte auch an all dem gelegen haben, dass sich Le1f mit seinem Debütalbum Riot Boi drei Jahre Zeit gelassen hat. Er habe viel gelesen, heißt es, die ihm übergestülpte Repräsentantenrolle laste auf ihm. Der aufmüpfige Riot Boi überrascht deshalb schon zu Anfang mit etwas ganz Simplem: mit Manieren. Der höfliche erste Song »Hi« stellt den aufstrebenden Helden als klassischen Schwerarbeiter mit swag vor, der sich und seine Mutter irgendwie durchbringen will. Und das läuft ganz gut: Le1f rappt über seine Europatourneen, von denen er auch ohne Album mit ein paar Tausendern nach Hause kam. Aber hier werden andere Maßstäbe angelegt, als wir sie sonst im Prahlgeschäft des Rap zu hören bekommen: Le1fs Goldkette ist ein Sandwich für sieben Dollar, sein Maybach ein vor geschenkten Designerkleidern platzendes Schlafzimmer.

Letzteres würde auch überquellen, wenn sich alle Mitwirkenden des Albums darin versammelten: Evian Christ, Dev Hynes, Sophie, Blood, Balam Acab, Lunice, Junglepussy … Le1f hat großzügig eingeladen, um eine absolut auf der Höhe der Zeit bouncende Party zu feiern. Auf der geht es hoch kompetitiv zu. Die zentrale Zeile von Riot Boi lautet: »You cornball, I’m serial / I crack codes.« »Rage« wird im gleichnamigen Stück als positive Kraft postuliert; die Körper lesen einander, ganz im Sinne des Voguing. Da macht Le1f angeblich so schnell niemand etwas vor, und im Schwall seiner subtilen wie bestechenden Vergleiche glaubt man ihm das aufs Wort. Nach zwei Dritteln lehnt sich das Album musikalisch weit zurück und Le1f ganz nach innen. »Tell« richtet sich ungemein emphatisch und behutsam an ihre Sexualität nicht offen auslebende Schwule. Das erhabene »Taxi«, eine lyrische Glanztat, wiederum verbindet den öffentlichen Rassismus, den Le1f als Schwarzer erlebt, mit dem innerhalb der Community: »Like you can’t see me in my skin / … / You’ll never know how well I tip / You’ll never know that I’m that bitch.« Man sollte den Riot Boi nicht verpassen.

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