Lawrence English „Cruel Optimism“ / Review

Das Nebulöse ist seit jeher ein Leitmotiv des Australiers Lawrence English. Auch sein neues Album Cruel Optimism verharrt in schattigen, sich langsam entwickelnden Klangflächen.

Das gute Leben. Wie soll der Weg dahin eigentlich aussehen? Sind das nicht oft nur Maßnahmen gegen Symptome statt Ursachen, das bedingungslose Grundeinkommen lediglich ein kurzfristiges Antibiotikum, da es den Kapitalismus reproduziert, statt ihn abzuschaffen? Die US-Kulturwissenschaftlerin Lauren Berlant würde zustimmen. Ihr jüngstes Buch handelt vom Cruel Optimism, einem Begriff, den sie als hoffnungslose Verbundenheit zu kompromittierten Möglichkeiten beschreibt, also veraltete Vorstellungen von einer besseren Zukunft, die nicht (mehr) realistisch sind. Das verhindere, dass man angesichts destruktiver Verhältnisse neue, alternative Wege suche.

Diese Idee hat den Drone-Musiker Lawrence English zu seinem gleichnamigen Album inspiriert. Er sieht in ihr eine mögliche Antwort auf die Krise(n) der Geflüchteten, den Syrien-Krieg oder den Brexit, wie er in den Linernotes schreibt. Wie diese Idee genau aussehen könnte, bleibt offen. Egal, das Nebulöse ist schließlich seit jeher ein Leitmotiv des Australiers. So verharrt auch sein neues Album in schattigen, sich langsam entwickelnden Klangflächen, deren Intensität und Lautstärke nur geringfügig variieren.

Statt das Synthetische zu humanisieren, wird das Menschliche in etwas Künstliches verwandelt.

Doch so bekömmlich diese Songs scheinen, so sehr vereinnahmen sie, halten einen in ihrer Geschlossenheit gefangen. Sie setzen auf eine sanfte Überwältigung, sei es im Eröffnungstrack „Hard Rain“ oder dem folgenden „The Quietest Shore“, das nach einzelnen Klavieranschlägen und läutenden Kirchenglocken in totaler Stille endet, gefolgt von dem mit gezähmten Donnern einsetzenden „Crow“.

Auf Cruel Optimism ist Lawrence English mehr Komponist als Producer: Alle Songs sind – ohne, dass es hörbar wäre – von Musikern eingespielt, unterstützt vom neunköpfigen „Australian Voices“-Chor. Vielleicht steckt darin doch ein konkreterer Vorschlag für ein anderes Leben: Statt das Synthetische zu humanisieren, wird das Menschliche in etwas Künstliches verwandelt. Die radikale Entfremdung vor der Wirklichkeit – das könnte ein erster Schritt sein, die Authentizitätsnostalgie zu überwinden – und die vom grausamen Optimismus verdeckte Unfreiheit zu erkennen.

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