Laurie Anderson & Kronos Quartet „Landfall“ / Review

Laurie Anderson und das Kronos Quartet bewegen sich auf „Landfall“ irgendwo zwischen der Verarbeitung einer Naturkatastrophe und vertonter Nachrichtensendung.

Wenn Streicher in der Popmusik eine überbetonte Rolle spielen, hat das schnell etwas Artifizielles. Bei MTV-Unplugged dienen sie als beliebtes Mittel, um pseudo-unverstärkt auf die betulichen und eventuell sogar hochkulturellen Seiten der eigenen Musik hinzuweisen. Bei The Velvet Underground rutschte die Bratsche klanglich in die Nähe einer Noise-Gitarre, während PJ Harvey in der Streicher-Sextett-Version von „Man-Size“ rüde-schrubbend in Richtung neuer klassischer Musik drängte. Die Zusammenarbeit von Laurie Anderson und dem Kronos Quartet aus San Francisco hat aber einen fast gegenteiligen Inhalt: Landfall heißt ihr gemeinsames Album – und das Land, das hier in Sicht gerät, ist etwas ganz Ursprüngliches, Natürliches und dementsprechend auch Unkontrollierbares.

Das Land ist ursprünglich, natürlich, dementsprechend unkontrollierbar.

 Landfall beginnt mit instrumentalen Streichquartett-Stücken, die sich in Richtung osteuropäischer Harmonien bewegen. So klassisch, so bekannt. Doch in „The Water Rises“ kommt ein mechanisch-elektronisches Plätschern hinzu, im darauffolgenden „Our Street Is A Black River“ taucht das erste Mal Andersons Erzählstimme auf, die eine Landschaftsbeschreibung samt zu beobachtender Hurrikan-Monstrosität abgibt. Das Album sei inspiriert von Andersons Erfahrungen im Hurrikan Sandy, heißt es, und so setzt sich diese Art der Komposition durch: Das Kronos Quartet etabliert ein hermetisches Stück Musik, das in den darauffolgenden Tracks von zum Teil naturalistischen Geräuschen, Texten und Stimme inhaltlich konkretisiert wird. Die Beschreibungen aber bleiben durch die artifizielle Musik des Quartetts immer in der Ferne.

Lustig ist das im Song-Paar „Dreams“ und „Dreams Translated“, in dem Anderson von Träumen anderer Leute erzählt, die man eigentlich nicht erzählt bekommen möchte. Doch der Grundduktus bleibt unheimlich, vor allem, wenn das Album mit dem zehnten Track zu einem fortwährenden Strom ansetzt, der sich wie die darin beschriebene Flut auch durch die Betitelungen zieht: „The Wind Lifted The Boats And“ etwa flirrt in nervösen Halbtönen, „It Twisted The Street Signs“ greift diese anschließend harmonisch auf, bis die Streicher in „Then It Receded“ zu klagender Melancholie anheben. Die strukturell doch recht klassische Arbeit des Kronos Quartet trifft dabei mit Andersons versponnenen Sound- und Wortfetzen zusammen und schafft ein distanziertes, aber meist konkret von einer Naturkatastrophe erzählendes Stück Klang, irgendwo zwischen Soundinstallation mit musikalischem Verve und einer in Musik übersetzten Nachrichtensendung.

Diese Rezension erschien in unserer aktuellen Printausgabe SPEX No. 379, die weiterhin am Kiosk oder versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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