Laurie Anderson – „Glück ist die Fähigkeit, nicht bei jeder Kleinigkeit durchzudrehen“

Foto: Kevin Fuchs

Best of 2017: Laurie Anderson, eine der größten Geschichtenerzählerinnen unserer Zeit, erzählt von globalem Kollaps und Orten der Gesetzlosigkeit – eines der SPEX-Interviews des Jahres.

Vielleicht ist alles um uns nur Fiktion. Laurie Anderson fände das gar nicht so schlimm. Die New Yorker Musikerin, bildende Künstlerin und größte Geschichtensammlerin seit den Gebrüdern Grimm hat den Ort für ihre Kunst immer im Dazwischen von akribischer Beobachtung und Imagination gefunden. Fakt ist: Im Juni feierte Anderson ihren 70. Geburtstag. Im März trat sie zum Abschluss des Medienkunstfestivals Transmediale in Berlin auf. Dort erzählte sie von Protestmärschen und Meditation, von Gummibandmusik mit Brian Eno und den zwei glücklichsten Menschen auf Erden.

Laurie Anderson, es ist unhöflich, das zu sagen. Aber Sie wirken etwas angeschlagen. Wie geht es Ihnen?
Oh, alle sind krank! Ich habe eine schlimme Erkältung. Eigentlich keine große Sache, aber die Widerstandskräfte liegen darnieder, und es fühlt sich an, als würde mir jemand immer wieder eine reinhauen. Jeden Tag aufs Neue passiert etwas Verrücktes, das einem klarmacht: Wow, ich lebe an einem Ort der Gesetzlosigkeit! Unser Justizminister und Generalbundesanwalt hat gerade einen Meineid begangen. Wir sind abhängig von einem grundlegenden Gesellschaftsvertrag – und der ist aufgelöst. Es ist unglaublich. Ich arbeite jeden Morgen mit meinem Trainer daran, Schläge auszuhalten. Wir lernen, wie man aufrecht stehen bleibt, wie man ausweicht. Ich betreibe fernöstliche Kampfkunst, ich mache Tai-Chi. Es gefällt mir, mit der Situation auf körperliche Weise umzugehen, denn das ist eben auch eine sehr physische Sache. Und ich habe diese Erkältung gerade auch wegen des Widerstands: Es gibt derzeit viele Protestmärsche, und in New York war es zuletzt noch ziemlich kalt. Viele Menschen finden sich in Gruppen zusammen – was eine tolle Sache ist –, aber man steckt sich leicht an, wenn man mit anderen Leuten im Kalten herumsteht.

Die Ereignisse der letzten Monate greifen Sie also regelrecht körperlich an.
Oh ja, das tun sie.

In Ihrer Arbeit haben Sie sich seit jeher mit Ihrem Heimatland auseinandergesetzt. Ein multimediales Werk aus den frühen Achtzigerjahren trägt den Titel United States, in Ihrem Konzertfilm Home Of The Brave tanzen Sie mit William Burroughs Tango, Ihr letztes, 2010 veröffentlichtes Studioalbum heißt Homeland. Was ist heute im Vergleich zu früheren Entwicklungen anders?
Die Ereignisse überschlagen sich. Man hat es mit einer Situation von unglaublicher Geschwindigkeit zu tun. Früher konnte man bestimmte Dinge eine Weile beobachten, man schaute nicht alle 20 Minuten auf sein Telefon und rief: „Waaaah!“ Diese Eskalation macht den Unterschied, sie passiert quasi in Überlichtgeschwindigkeit. Alles, was man bisher über sein Heimatland zu wissen glaubte, ändert sich jetzt einfach so (schnippt mit den Fingern). Das bringt die Leute vollkommen aus dem Gleichgewicht.

„Auf sehr seltsame Weise bin ich glücklich, heute am Leben zu sein und beobachten zu können, wie alles kollabiert.“

Woher beziehen Sie Ihre Informationen? Für Ihre Arbeit als Künstlerin müssen Sie auf so vielen Feldern gleichzeitig auf dem Laufenden bleiben: Politik, Wissenschaft, Kultur …
Oh, ich bewege mich in allen diesen Feldern als Amateurin. Und ich bemühe mich immer, eine gewisse Distanz aufrechtzuerhalten. Denn wenn man ständig versucht, herauszufinden, was passiert, hat man keine andere Wahl, als die Dinge auch zu verarbeiten. Außerdem ist Einsamkeit für mich wichtiger, als die ganze Zeit dem Zeitgeist hinterherzuhecheln. Ich versuche, zu lernen, so viel ich kann. Aber sobald ich merke, dass mich etwas beeinträchtigt, höre ich auf damit.

Suchen Sie in diesen Phasen der Einsamkeit bestimmte Orte auf, physische oder spirituelle?
Beides. Ich meditiere viel, wenn es mir möglich ist, und gehe vor allem in Vipassana-Meditationszentren. Und ich studiere mit meinem Lehrer Mingyur Rinpoche.

Einem buddhistischen Meister.
Richtig. Er stammt aus Tibet und ist genau genommen der glücklichste Mensch auf Erden. Das behaupten zumindest die Neurowissenschaftler der University Of Wisconsin. Sie messen Hirnströme und orientieren sich an der Fähigkeit, Stress auszuhalten. Es geht also um Ausgeglichenheit, was als eine Art von Glück interpretiert wird: die Fähigkeit, nicht bei jeder Kleinigkeit durchzudrehen. Mingyur ist mental extrem fokussiert, er muss sich nicht ständig mit dem Rattern seiner Gedanken herumschlagen und hat eine enorme Stressresistenz. Die Wissenschaftler messen das mit Klängen, die sie ihm vorspielen, sehr stressigen Klängen, bei denen die meisten anderen Menschen den Verstand verlieren würden. Er hält das aus. Seine Spezialität ist die Natur des Geistes. Dabei geht es um körperliche und mentale Techniken, um die eigene Psyche zu erforschen. Ich finde das als Künstlerin sehr hilfreich, denn Buddhistin und Künstlerin zu sein ist für mich dasselbe – da gibt es keinen Unterschied. Man ist einfach aufmerksam, das ist alles. Der Buddhismus fordert nicht, dass man an etwas Bestimmtes glaubt, es geht nicht um Herrschaftsstrukturen, nicht um Schuld, nicht um das jüngste Gericht, nichts dergleichen. Es geht um Bewusstheit und darum, sich den Dingen gegenüber zu öffnen, sie zu lieben.

Die Frage ist dann, wie man mit dem so Wahrgenommenen umgeht. Haben Sie eine bestimmte Art, an die Welt heranzugehen?
Ich versuche, auf meine Intuition zu hören und nicht den nächsten smart move zu machen. In der Ausstellung der Transmediale hier in Berlin war eine Arbeit zu sehen, die Ideen für Künstler generiert. Sie spuckt eine endlose Reihe an Themen aus, aber weil sie eine Maschine ist, kann sie die Dinge nicht selbst umsetzen – noch nicht zumindest. Einer der Vorschläge war: „Schreiben Sie eine Oper zum Thema Eisen!“ Das ist eine tolle Idee, Eisen ist ein wirklich schönes Thema. Nehmen wir also an, eine Maschine bringt mich auf die Idee, eine Oper über Eisen zu schreiben. Dann überlege ich, wie ich dieses Material in meinen Gedanken bewegen kann: Eisen zirkuliert in unserem Blutkreislauf, es ist in Gebäuden verbaut, wie wird es gewonnen? Sofern ich solche Aspekte interessant genug finde, arbeite ich weiter daran.

Sie sind im Grunde Geschichtenerzählerin.
Ja. Ja!

Wo fängt bei Ihnen eine Geschichte an? Machen Sie sich Notizen?
Wo immer ich mich gerade aufhalte. Ich notiere mir Dinge, aber ich verwende kein Papier mehr dafür. Das nutze ich jetzt wieder zum Zeichnen. Ich bin zur Malerei zurückgekehrt und arbeite an riesigen Bildern, denn ich liebe es, eine Sauerei anzurichten und mit meinen Händen und meinem Körper zu arbeiten. Im Mai eröffnet im Mass Moca in Massachusetts eine Ausstellung von mir mit Bildern, einem Virtual-Reality-Projekt, an dem ich gerade arbeite, und binauralen Tonaufnahmen. Im November war ich mit Brian Eno eine Woche lang in einem Studio in Kopenhagen. Wir haben dort – so etwas hatte ich zuvor noch nie gemacht – einfach vier Stunden lang Musik aufgenommen und uns dann hingesetzt und die ganzen vier Stunden durchgehört. Ich dachte, das würde pure Folter werden, aber es war total interessant. Mir ist aufgefallen, dass ich nicht gleichzeitig spielen und zuhören kann. Das sind zwei sehr unterschiedliche Fertigkeiten. Es war eine faszinierende Übung. Brian meinte: „Lass uns einfach auf ein paar Gummibändern spielen!“ Es hat wirklich Spaß gemacht.

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