Laurel Halo „Raw Silk Uncut Wood“ / Review

Cover: Raw Silk Uncut Wood

Laurel Halo verbindet auf ihrem neuen Mini-Album Raw Silk Uncut Wood die Atmosphäre einer extraterrestrischen Raucherlounge mit der einer bedrückenden Betrachtung des Universums.

Eine blauhäutige Frau liegt im Fenster, blickt in die scheinbare Unendlichkeit und zieht an einer Zigarette, die ihr Gesicht zum Spiegelbild des mitternächtlichen Sternenhimmels werden lässt. Im Hintergrund ringen rote Menschen miteinander – irgendwo zwischen Sinnlichkeit und nacktem Überlebenskampf. Laurel Halos neues Mini-Album Raw Silk Uncut Wood ziert ein Cover, das viele Geschichten erzählt.

Und damit ähnlich wandelbar ist wie Laurel Halo selbst. Während Dust, ihr 2017 erschienenes drittes Album, für Halos Verhältnisse fast poppig klang und ihre letzte EP In Situ ihre fragile Struktur aus minimalistischen Induestriebeats bezog, wirkt Raw Silk Uncut Wood nun kinematographisch, wie der Soundtrack einer kurzen und universellen Szene. Von Detroit ist kaum etwas übrig, von Berlin ebenso wenig. Fast klerikal wirkt der zehnminütige Einstieg, den der Titeltrack liefert. Extraterrestrisch, aber dank des erdenden Orgelspiels wie eine unerwartete Reminiszenz an eine Zeit, die nie war.

Von Detroit ist kaum etwas übrig, von Berlin ebenso wenig.

Auf Raw Silk Uncut Wood paart sich Free Jazz mit elektronischer Musik. Nicht gezwungen, eher wahlverwandt zersprengt dieses Duo im Mittelteil der Mini-LP die Idylle, was an mancher Stelle ein entrücktes Lounge-Gefühl aufkommen lässt. Vor diesem Hintergrund wandelt sich das Cover zu einer distinguierten Barschlägerei. Nur schwebt die Bar, die Halo da bespielt, durchs Universum – und das schon seit langem.

Und auch an die Stelle der bei Halo eigentlich obligatorischen rauen Detroit-Vibes tritt auf Raw Silk Uncut Wood etwas Neues: Die Wahlberlinerin ersetzt ihre Reibeisenklänge fast durchgehend mit sphärischen Sounds und einem erratischen Piano. Beruhigend ist daran trotzdem nichts: Gerade in „Quietude“ klingt diese Mixtur wie eine Fehlermeldung oder eine Panikattacke.

Wenn das Album zu Beginn noch das skurrile Cover beschreibt, auf dem eine unmögliche Szenerie mit Motel-Pastiche durchs All driftet, skizziert sein Ende die kontinuierliche Entfernung davon. Im wummernden Dauerschall lässt sich kein klares Bild mehr fokussieren. Gelegentliches Knistern und Trommeln unterbrechen den vorherrschenden Unterton kaum merklich: Halo schließt auf Raw Silk Uncut Wood mit der irdischen Ödnis ab. Das Universum ist unwirtlich genug.

Ein ausführliches Porträt von Laurel Halo finden Sie in unserer Printausgabe SPEX No. 375, die weiterhin versandkostenfrei im Shop bestellbar ist.

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