Laurel Halo »In Situ« / Review

In Situ ist gleichermaßen nach innen wie nach außen gewandt, ein dynamischer Hybrid, unknown knowns, den einen Ort gibt es nicht.

»In situ« bedeutet »am Ort«. Medizinisch, geografisch, astronomisch oder technologisch verwendet bezeichnet die Wendung das, was vorhanden ist: einen Tumor, einen archälogischen Fund, ein schwarzes Loch. Laurel Anne Chartow alias Laurel Halo lebt seit einer Weile in Berlin, also muss ihr neues Album beziehungsweise die Acht-Track-Doppel-EP In Situ das sonische Ergebnis dessen sein, was sie dort vorfindet. Ist das zu einfach gedacht? Wahrscheinlich. Ganz bestimmt sogar. Nicht jede Platte, die in Berlin entsteht, ist deswegen ein »Berlin-Album«, und auch wenn die aus Ann Arbor, Michigan stammende, klassisch ausgebildete Elektrokünstlerin häppchenweise deutsche Vokabeln lernt – ihr letztes Album Chance Of Rain eröffnete mit dem Track »Dr. Echt«, auf dem neuen gibt es ein Stück mit dem schönen Titel »Nebenwirkungen« –, ist ihre musikalische Vision zu komplex, um sie einem einzigen Ort zuzuordnen.

Laurel Halos In Situ ist kosmisch, unbegrenzt, ortlos. Und dunkel, minimalistisch, mysteriös. Halos letzte zwei Veröffentlichungen bei Kode9s Label Hyperdub forderten auf individuelle Weise heraus: Auf Quarantine spielte Halo mit ihrer extrem verfremdeten Stimme, Versuche, Worte zu entziffern, blieben zum Scheitern verurteilt. Chance Of Rain war rein instrumental, hatte mit seinem Wechsel aus Klavierklängen, Ambient und Industrial eine gewisse Clubtauglichkeit, zerrte aber auch an den Nerven. In Situ erscheint nun beim Londoner Label Honest Jon’s, was neben dem Gros der dortigen World-Music-Veröffentlichungen und Damon-Albarn-Projekte zunächst seltsam wirkt, bei näherer Betrachtung und angesichts von Labelkollegen wie Actress oder Shackleton aber nur schlüssig ist.

In Situ spielt mit Minimal-Techno- und Trance-Elementen, aber auch mit Versatzstücken aus Dub und Ambient. Man hört keine Worte, keine Stimme, wenige Anhaltspunkte. Das Universum in nuce, so ungefähr. Ein Track wie »Shake« wummert und wabert aus weiter Distanz oder wie durch dick gepolsterte Wände – und da stellt sich dann doch eine Berlin-Assoziation ein: Man sitzt schon im Taxi vom Zauberberghain Richtung nach Hause, oder man steht noch davor und will oder darf nicht rein. Aus der Mauertrutzburg wehen letzte oder erste Klänge, der Taxifunk fiept dazwischen, der Blick streift die schillernden Farben einer Regenpfütze.

Die schon erwähnten »Nebenwirkungen« klopfen, schaben und klöngeln in den Gehörgängen, nicht aber hart und schroff wie bei den frühen Einstürzenden Neubauten etwa, um ein weiteres volkstümliches Berlin-Wahrzeichen ins Feld zu führen, sondern gedämpft und reduziert, irgendwie wattig. »Nimrud« nimmt am konkretesten Bezug auf einen Ort, weit weg von Berlin: Der Titel bezeichnet antike assyrische Ruinen im Nordirak, die es nach IS-Zerstörungsangriffen nicht mehr gibt. Laurel Halos »Nimrud« ist nur 1:41 Minuten lang, es klingt nach dem Abtransport gigantischer Bagger in die endlosen Weiten des Universums. In Situ ist gleichermaßen nach innen wie nach außen gewandt, ein dynamischer Hybrid, unknown knowns, den einen Ort gibt es nicht. Denn Halos Am-Ort-sein ist die Arbeit an ihren Geräten, egal wo diese stehen mögen.

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