LAUREL HALO
CHANCE OF RAIN
HYPERDUB / CARGO – 25.10.2013

Laurel Halo veröffentlicht am Freitag Chance of Rain, den Nachfolger von Quarantine. Kann sie den Erfolg ihrer Ambivalenz wiederholen? Die Rezension und der Stream des Albums.

»Die musikalischen Erben von Detroit werden auch immer seltsamer.« So beginnt Tim Caspar Boehme sein Laurel-Halo-Porträt in SPEX-Ausgabe N° 339. Richtig: Halo, mit bürgerlichem Namen Ina Cube, stammt aus Ann Arbor, also dem Speckgürtel der Motor City. Richtig auch insofern, als Cube sich in ihrer bisher noch kurzen Karriere immer wieder auf den Sound der Stadt, vor allem auf Techno, bezogen hat. Richtig ist auch, dass Cubes Form von Rezeption seltsam ist. Sie spielt mit Ambivalenzen, verblendet die vermeintlichen Dichotomien von Authentizität und Künstlichkeit, Realität und Virtualität.

Auf die Spitze trieb sie diese Strategie mit ihrem Debütalbum Quarantine. Von der Kritik wurde es gefeiert, vielerorts wurde Cubes Mischung aus Synthesizer- und Loop-basierten Experimenten im Popkorsett aber mit Ratlosigkeit aufgenommen. Durch gedoppelte Gesangsspuren klangen ihre Songs entfremdet, die menschliche Komponente künstelte, eine Art Uncanny-Valley-Effekt stellte sich ein. Das Artwork: in grellen Neonfarben gezeichnete Manga-Schulmädchen, die selig seppuku begehen.

Auch das Cover von Chance Of Rain, eine Anfang der 1970er-Jahre von Cubes Vater angefertigte, trist-trashige Zeichnung, illustriert die Ambivalenz der Musik. Gegenwart und Nachwelt fallen ineinander, es wird offen gelassen, ob es sich nun um Himmel oder Hölle handelt. Das ist ebenfalls eine der Scheinoppositionen, die Cube aufweichen lässt: die von Utopie und Dystopie. Womit wir wieder beim musikalischen Erbe Detroits, genauer: bei Techno wären. Peace, love, unity, respect auf der einen, entmenschlichte Zukunftsszenarien auf der anderen Seite.

Auf Chance Of Rain ist Cubes Stimme nicht zu hören. Die neun aus Live-Improvisationen entstandenen Tracks erhalten ihren performativen Charakter durch ihre sich dem Dancefloor versperrende Spontaneität. Der Titel »Serendip« ist programmatisch: Anscheinend zufällig werden Elemente hinzugenommen oder fallengelassen. Wieder und wieder laufen auf Chance Of Rain die Hi-Hats neben der Spur, hechelt die Kickdrum dem Rest hinterher und werden Chords, Loops und Samples scheinbar willkürlich durch den Mix gehäckselt und gezogen. Das erinnert hier und dort an Trap und Footwork oder basslastigen UK-Sound, vor allem aber an House und Techno. Es bleibt jedoch bei der bloßen Anspielung, der versteckten Referenz, mit der bereits vorhandene Ambivalenzen nach außen gekehrt werden. Das funktioniert immer noch, hat aber nicht mehr dasselbe faszinierende Verstörungspotenzial wie auf Quarantine.

Chance of Rain ist derzeit bei Pitchfork vorab hörbar.