Late Of The Pier

Es genügt nicht mehr, Independent-Bands aus der britischen Hauptstadt unter L wie London einzuordnen. Die Szene ist so unüberschaubar groß, stilistisch derart breitgefächert und heterogen sozialisiert, dass es schon einer genaueren Katalogisierung bedarf – gemäß der jeweiligen geographischen Herkunft. »Way Out West« nennt sich eine Partyreihe im, der Name deutet es an, westlichen Teil der City, die dort ansässigen Nachwuchskräften ein Forum bietet. Auch so manche Singleveröffentlichung der letzten Zeit wurde durch Mastermind, Promoter und Manager Keith Anderson in die Wege geleitet, darunter die ersten bestechenden Aufnahmen der beeindruckenden Cajun Dance Party. Starthilfe erhielt ebenfalls das blutjunge Quartett Late Of The Pier. Obwohl ursprünglich aus Nottingham stammend, sorgten vor allem die frühen dröhnend-zappeligen Liveauftritte in der Londoner Bush Hall für Aufsehen und halfen dabei, die Band einzubürgern. If you can make it there, you’ll make it everywhere. Nach mehreren längst vergriffenen Singles, begleitet von einem schrillen Insel-typischen Medienzirkus, erscheint nun mit »Fantasy Black Channel« der erste Longplayer der Gruppe. 

    Schon das amateurhaft collagierte Cover, das die Spielzeuge der vier Musiker zusammengeklumpt vor einer ungesund bläulich schimmernden Bergkulisse zeigt, steht im Zeichen der Unordnung. Überraschend daher, dass Late Of The Pier mit »Hot Tent Blues«, einem hämmernd verzerrten Instrumental-Track, den übrigen zwölf Stücken – eines davon am Ende versteckt – gewissermaßen eine Ouvertüre voranstellen. Ruckartig verfällt der Rhythmus dann allerdings in einen hochgepitchten Stechschritt. Der gut geölte Beat und die kehlig gesungene Hook von »Broken« gehören zu jenen Arrangements auf der Platte, denen noch am ehesten klassische Songstrukturen zu bescheinigen sind. Dazu gehört auch, weiter hinten, das Stück »Mad Dogs And Englishmen« mit seinen schneidenden Gang-Of-Four-Riffs und der sich überschlagenden Stimme von Sänger Samuel Dust.

    Über weite Strecken gelingt es der Band, die mittlerweile über ein eigenes Label operiert, jedoch nicht, Energie und Ideen zu kanalisieren. Brüche bleiben meist die einzige Konstante. Klackende Perkussion, dumpfe Fuzzbässe, gequält stöhnende Synthies vermischen sich mit gewichsten Gitarrensolis und flackernden Lichtorgelparts. »The Bears Are Coming« klingt in der Tat so, als ob eine Horde Bären in eine Schar aufgescheuchter Kirmesbesucher brechen würde: die Musik vom Band läuft weiter, unterbrochen und geloopt, das Gewitter eines Stroboskops multipliziert Hektik und Panik.  Hysterische Nintendo-Sounds wie in »Focker«, ein vom Schwarzlicht erhelltes Interlude (»VW«), oder das zuletzt heftig ausfransende »Bathroom Gurgle«, bei dem Dust David Byrne zu imitieren versucht, mögen auf der Tanzfläche gut ankommen, wenn das Smirnoff-Blut-Gemisch im Kopf ankommt und man wild mit den Armen schlackert, den Tinnitus ignorierend. Doch in den heimischen vier Wänden führen die vielen Wechsel, all die Breakbeats, das Fiepen und Gebratze schnell zur Ermüdung.     

    Dennoch markiert »Fantasy Black Channel« womöglich eine Zäsur. Das Album zeigt, dass Bands wie Bloc Party oder Hadouken!, selbst noch nicht lange im Geschäft, als Formationen mit eigenem Stil wahrgenommen werden. Sie sind mittlerweile zu einer Referenzgröße geworden, die von einer nachrückenden Generation, zu der auch die Mitglieder von Late Of The Pier gehören, stärker reflektiert wird als die Originale der ausgehenden siebziger und achtziger Jahre. Ob es der Gruppe aus Nottingham gelingen wird, selbst eine solch vielzitierte Einflussquelle zu werden, bleibt hingegen fraglich.

LABEL: Parlophone

VERTRIEB: EMI

VÖ: 29.08.2008

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .