Lasse Marhaug

»No Lasse, no Norwegian Noise.« Stichhaltiger hätte es Tommy Carlson in den Linernotes von Lasse Marhaugs neuester Veröffentlichung, der imposanten CD Box »Tapes 1990-1999«, kaum ausdrücken können. Auf insgesamt vier Tonträgern präsentiert Marhaug eine Zusammenstellung seiner jugendlichen Musikexperimente, die alle ursprünglich auf dem in der Noise Szene so beliebten Speichermedium, nämlich der Kassette, erschienen sind. Jene frühen Veröffentlichungen spiegeln bereits die stilistische Vielfältigkeit Lasse Marhaugs wieder, die einen festen Bestandteil seiner heutigen Arbeiten ausmacht.
    In einer Zeit, in der die stürmischen Angriffe des norwegischen Black Metals ihre kreativen Höhepunkte feierten, begann Lasse Marhaug die mannigfaltige Klangsprache der Noise Musik zu erforschen. Obwohl er bekennender Metalfan ist und damals auch Kontakt zu seinen satanischen Landsmännern unterhielt, weisen keine der auf der Kompilation enthaltenen Arbeiten klare Referenzen zu den extremen Spielarten des Heavy Metals auf. Lediglich die Gestaltung der Coverartworks, die im Booklet alle ausführlich abgedruckt wurden, lässt seine Affinität zu jenen metallischen Klangstürmen erahnen, zeichnet aber auch eine starke Verbundenheit zu der verstörenden Ästhetik des Industrials. Lasse Marhaugs musikalische Programmatik gestaltet sich allerdings weitaus vielschichtiger. Es steht natürlich völlig außer Frage, dass auch die typischen Klangextremismen der Noise Musik nicht fehlen dürfen. Neben der statischen Unerbittlichkeit rauschender Klangwände stößt man ebenso auf die die obligatorischen Lo-Fi Recordings – schmutziges Audiomaterial, dessen miserable Aufnahmequalität wie eine verunreinigte Wunde unnachgiebig Eiter auszustoßen scheint. Obwohl diese Stücke von einer konzeptuellen Simplizität durchdrungen sind, geht Lasse Marhaug mit einer akribischen Genauigkeit ans Werk und präsentiert einen virtuosen Umgang mit Klangtexturen und ihrer psychoakustischen Tragweite. Besonders eindrucksvoll sind aber seine frühen Turntable Experimente. Wilde, unberechenbare Klangcollagen aus kreischenden Saxophonen, klirrend übersteuerten Metallschlagwerken und Einspielern aus Gesprächsfetzen und Umgebungsgeräuschen. Ferner zeigt er ebenso seine Vorliebe für minimalistische Seitenhiebe aus kreischenden Feedbacks oder repetitiv pulsierenden Patterns, als auch seine Passion für Kollaborationen, die meistens von historischer Signifikanz sind. Zeigen sie doch Lasse Marhaug in Zusammenarbeit mit Musikern, die bereits auf eine ausführliche Lärmbiografie zurückblicken konnten.
    »Tapes 1990-1999« ist eine gelungene Dokumentation eines Musikers, dessen künstlerisches Schaffen aus der kontemporären experimentellen Musik, sei es norwegischer oder weltlicher Provenance, nicht mehr wegzudenken ist.

LABEL: Pica Disk

VERTRIEB: A-Musik

VÖ: 15.06.2007

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